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Benjamin Henrichs über die Uraufführung von Peter Handkes "Zurüstungen für die Unsterblichkeit" am Wiener Burgtheater
Benjamin Henrichs
Peter Handke als Zauberdichter, Nervensäge, Häuptling Morgenwind
Was haben wir denn hier? Ein Gestrichel. Ein Gekritzel. Wahrscheinlich die Zeichnung eines Kindes. Vielleicht auch eine Botschaft vom anderen Stern oder aus der Niemandsbucht. Oder eine Höhlenzeichnung aus dem alten Kärnten. Und was zeigt uns das Gestrichelte? Links etwas Fliegendes, Vogel oder Drache. Rechts, auf einem Podest, eine Figur mit Kopf. Und je länger man den Kopf betrachtet, desto bekannter schaut er zurück. Wenn nicht alle Zeichen trügen, ist dies ein Dichterkopf: ein Portrait des Dichters Peter Handke. Peter Handke hat ein neues Theaterstück geschrieben. Ein "Königsdrama" mit dem etwas strapaziös klingenden Titel "Zurüstungen für die Unsterblichkeit". Natürlich wartet der Handke-Leser, Handke-Jünger nicht, bis es endlich zur Uraufführung kommt. Er verschafft sich, so schnell er nur kann, die Buchausgabe des Königsdramas (Suhrkamp). Und erblickt, so also fängt die Begegnung mit Handkes "Unsterblichkeit" an, auf dem Buchumschlag das geheimnisvolle Gekritzel. Und der Handke-Leser freut sich. Schon wieder freut er sich! Aber nicht lange. Denn nun muß das Buch aufgeschlagen, der ersten Szene furchtlos entgegengegangen werden. Der Großvater oder auch Ahnherr spricht. Und er spricht so, wie auf deutschen Brettern lange keiner mehr gesprochen hat; weil eben keiner mehr sich heutzutage traut, "Königsdramen" zu dichten. Außer natürlich Peter Handke. Der Großvater oder auch Ahnherr also spricht die ersten Worte des Dramas, und sie heißen: "Rache! Rache? Gerechtigkeit!" So spricht der Großvater. Und der Handke-Leser erschaudert. Oder er denkt, wenn er Glück hat, sogleich an Mozarts Priester Sarastro: "In diesen heilgen Hallen / kennt man die Rache nicht." Köchelverzeichnis 620. Die Kinderzeichnung: wortloses Glück. Nun aber die Rede des sterbenden Großvaters: ein großmächtiges Wortgeschepper. "Fast nackt" ist der Alte, wie König Lear auf der Heide, und seine Rede ist Vision und Lallen zugleich. Von der "Sonnenzeit" tönt er, vom "starken Frieden", vom "erfrischenden Ernst". Kühn und berauscht wirken seine Worte, aber im selben Moment geziert und gequält. Die Sprache der Königsdramen ist uns verlorengegangen, und man sieht Handkes Sätzen an, wie nun das Verlorene gewaltsam wiederhergestellt, herbeigezwungen werden muß. Natürlich ist so ein sterbender Großvater oder auch Ahnherr eine ernste Sache - aber ein bißchen drollig ist es schon, wie der tragische Alte die Worte türmt, würgt, ineinanderstaucht. Als belebe ihn noch die altösterreichische Wortspiel-Wollust eines Nestroy oder auch Bernhard oder gar Schwab - die freilich nun, in der einschüchternden Umgebung des Königsdramas, von heiliger Erstarrung, priesterlicher Verfinsterung ergriffen wird. Der Handke-Leser fürchtet sich. Schon wieder fürchtet er sich! Aber nicht lange. Denn nachdem der Alte mit einem überraschenden Fluch ("Lecke Welt! Leckt mich, alle!") dahingegangen ist, beginnt die zweite Szene des Dramas. Und auf den Krampf folgt die Herrlichkeit. Die beiden Töchter des Alten, die dem Monolog des Ahnherrn hochschwanger beigewohnt hatten, erzählen nun von der Geburt ihrer Söhne. Die erste Schwester hat den Pablo Vega geboren, die zweite Schwester den Felipe Vega, beide in der nämlichen Stunde, wie es sich für ein Märchen gehört. Zweimal, sagt die erste Schwester, sei sie vergewaltigt worden: vom Vater des Kindes bei der Zeugung, vom Kind bei der Geburt. Doch ihr Kind sei ein "Prinz", ein "Star": "Wie besonders fand ihn gleich jeder. Welch Grazie! Welch Hoheit!" Die zweite Schwester hat ein ganz anderes Kind geboren: Kind der Liebe, aber Schwächling. Kein Held, ein Krüppel, ein "Nichtsling" - aber ein Wunderkind der Freundlichkeit. "Der erste aus unserem Stamm, der so lachen kann. Wir sind doch seit je bekannt als die mit den zugenähten Mündern." Eine einzige Zumutung, dachte der Handke-Leser, als ihn der Ahnherr bedröhnte. Eine wirkliche Dichtung, denkt er nun, den Hexenschwestern lauschend. Und freut sich. Doch irgendwann ist die Zeit des Lesens zu Ende, und das Königsdrama muß aufs Theater kommen. Claus Peymann, wer sonst, hat inszeniert, im Wiener Burgtheater, wo auch anders. 8. Februar, 18.30 Uhr. Und der Handke-Leser freute sich darauf, nun endlich der Handke-Zuschauer zu werden. Und fragte sich voller Spannung, wer am Ende des Königsdramas wohl die Oberhand gewinnen würde: der Schwulst des Ahnherrn oder der Gesang der Schwestern? Und ob er das Burgtheater mit einer Handke-Liebe oder einem Handke-Haß oder mit konfus gemischten Gefühlen verlassen würde. Skandal? Katastrophe? Oder die ersten Stunden des Theaters der Zukunft? Wie auch immer: Es würde ein Theater werden, wie noch kein anderes gewesen ist. Unvergeßlich oder unvergeßlich gräßlich. So dachte man. Welch ein Irrtum! Schauplatz des königlichen Spiels ist eine "Enklave", irgendwo, vielleicht in Andalusien: Heimstatt eines kleinen, wunderlichen, selbstgenügsamen Völkchens, das nicht teilnimmt an den Dramen der Weltgeschichte, sich an den Weltgeschäften nicht beteiligt - und dem es wohl manchmal auch ein bißchen langweilig ist. Ein Inselchen der Seligen könnte die Enklave sein, wenn sie nicht gleich zweifach bedroht wäre. Von außen: durch das düstere, tüchtige, aggressive Nachbarvolk, verkörpert durch die "Raumverdränger" ("1 Häuptling, 3 andere"). Bedroht aber auch von innen: durch ewige Schwermut, verfluchte Freudlosigkeit, Todesfurcht. Die "Sonnenzeit" (der Alte sagte es) ist vorüber. Krieg bedroht den kleinstaatlichen, den Märchen- und Zwergenfrieden - und nur ein neuer König könnte, sehr vielleicht, eine neue Freudezeit in das Ländchen bringen. Pablo Vega soll dieser König werden, aber nur langsam . . . Denn erst einmal, bevor die Schauspieler rackernd und zaubernd ans Werk gehen dürfen, hat der Burgtheaterbesucher lange Muße, sich in der Enklave umzusehen, die Achim Freyer für Peymanns Uraufführung erdacht, gemalt und erbaut hat. Ein rundes, ein buntes Land. Am Horizont, vor einem hohen Himmel, meerblaue Berge, weich gewellt wie Dünen. Die Spielfläche: eine in die Schräge gekippte Welt- oder auch Zirkusscheibe; der Boden mit schwarzer Lava (oder schwarzem Samt?) bedeckt. Ein riesiger Schlagbaum (schwarzweißrot) teilt die Arena, ein zweiter Schlagbaum, im Hintergrund, ist schon zerbrochen. Im Erdreich halb versunken: Reste einer untergegangenen Welt, ein geborstenes Triumph-Portal, ein riesiges Wagenrad. Auf den blauen Bergkämmen ein weißer Schimmer, wie Schnee. Auffallend, daß es im Freyer-Gebirge keine Felsen und Klüfte, keine alpenländischen Nord- und Mordwände gibt. Berge zum Rutschen, nicht zum Stürzen. Ein Bild des Friedens, der stillschweigenden Besänftigung. Dabei ist das Königsdrama, nicht erst seit Shakespeare, immer auch ein Kriegsdrama. Und mindestens zwei Schlachten setzt nun Peter Handke in Gang. Die eine, harmlos und sogleich erkennbar, erzählt vom Kampf des Kleinvolks gegen die Invasoren der Großmacht, eine "Asterix"-Variation, nur längst nicht so komisch. Der zweite Kampf aber, den das Stück vor unseren staunenden Augen austrägt, ist abgründig und müßte hochdramatisch werden: Es ist der Kampf Handkes gegen Handke. Friedenssänger gegen Amokläufer. Oder auch: Alpenkönig gegen Menschenfeind, eine alte Wiener Zaubertheateraffäre. Der neue König, verkündigt uns Handke, dürfe kein Herr der Finsternis werden, müsse ein König aus den Lüften sein, "eine Art Häuptling Morgenwind". "Häuptling Abendwind" hieß Johann Nestroys letzte Komödie, und seine vielleicht beste hieß: "Der Zerrissene". Im besten, also ungewissesten Fall könnte man mit Handkes Stück zweierlei zugleich vorführen: den Entwurf eines Königsdramas und das Zerreißen des Entwurfs. Denn Handkes Text hat mit beiden Vettern namens Vega etwas gemein: Es ist ein Held und ein Krüppel. Ein Königstheater und ein Nichtsling. Inszeniert aber hat Claus Peymann. Und ein Zerreißer ist der nicht, mit jedem Lebensjahr weniger. Also erzählt er uns das Königsdrama, das Kriegsstück als einzigen Friedenstext. Als königliche Kindergeschichte aus dem Sandburgtheater. Erste Szene. Den Ahnherrn oder auch Großvater spielt Wolfgang Gasser. Einen Text wie den von Handke hat es noch nicht gegeben - der bewährte Burgschauspieler macht daraus einen, wie er ihn schon oft gespielt hat. Gekrümmter Gang, zerwühltes Antlitz, kultiviertes Knarzen. Der Tragödiengroßvater eben, der jeden, aber auch jeden Text zuverlässig in ein Kulturgut zu verwandeln vermag. Zweite Szene. Die zarte, immerzu staunende Ursula Höpfner und die wuchtige, drollige Traute Hoess spielen die Hexenschwestern und Kindsmütter: schönes, schaues Volkstheater, aber auch der traulichen Art. Und weil Peymann als "Volk" und "Idiot" zwei hochliebenswerte Schwermutsclowns wie Martin Schwab und Urs Hefti auf die Bühne schicken kann, ist Handkes Gesang aus der Ferne schnell in unseren Köpfen eingemeindet. Schön, daß sich Peymann in das ungetüme Stück offenbar beim ersten Lesen verliebt hat. Schön, wenngleich ein bißchen fade, daß er spätestens bei der ersten Probe Waffenstillstand mit dem Text geschlossen hat. Sich keine Wut mehr erlaubt, keinen Haß mehr gegönnt hat. Als müsse er den Text, wie ein bedingungslos liebender großer Bruder, vor allen feindlichen Rotten beschützen. Und am meisten vor dem Feind, der böse im Inneren des Textes hockt. Nun aber zerreißt eine wunderbar schräge, schiefe Szene die drohende Beschaulichkeit. Die Vettern Vega treten auf, als Kinder, Pablo und Felipe. Wie Bauernlümmel in halblangen Hosen, mit frechen Gesichtern. Pablo (Gert Voss), der Verwegene mit der Baskenmütze, der immer wieder wie im Traumrausch die Augen schließt. Felipe (Johann Adam Oest), der freundliche Krüppel mit der Pudelmütze, der Beinschiene, der dicken Schielbrille. Die beiden Knaben schaukeln: Pablo, der Sieger auch hier, fliegt hoch in die Lüfte, Felipes Schaukel verknäult sich in den Seilen. Ein Wind geht über die Szene bei diesem Auftritt, eine Ahnung von Euphorie. Ein "freches Spielen" hat sich Handke, der Dichter, von Peymann, dem Regisseur, gewünscht - jetzt endlich scheint es zu beginnen. Pablo zieht in die Welt, Felipe bleibt zu Hause. Als Pablo nach vierzehn Jahren heimkehrt, ist er bereit, der König seines Enklavenvolkes zu werden. Die Macht anzunehmen, wenngleich spielerisch. Ein Gesetz zu verkünden ("Traum und Arbeit!"), das die Menschen nicht bedrückt, sondern endlich beflügelt. Das Enklavenvolk soll das "Weltkindvolk" werden, und spätestens jetzt ahnen wir, daß die Enklave ein altes Handkewunderland ist, das mal das "neunte Land" heißt oder "Serbien", mal "Niemandsbucht" oder "Land der wahren Empfindung", mal "sonores Land", mal "linkshändiges Land" oder wie auch immer. "Ich arbeite an dem Geheimnis der Welt" stand in Handkes "Kindergeschichte", und diese Arbeit ("Traumarbeit" naturgemäß) setzt unser Dichter nun mit beneidenswerter und liebenswerter Furchtlosigkeit fort; und kein Hohn aus dem Lager feindlicher Rotten kann ihn dabei noch stören. Ein tollkühnes Projekt - und gewiß auch ein lächerliches. Und so ist auch aus dem neuen Handke-Stück eine ganze Arche toller und lachhafter Sätze geworden, und nicht immer weiß man, wo denn die Grenze zwischen Genialität und Peinlichkeit liegt. Wer Handke lauscht, wer ihm überhaupt noch lauschen mag, erlebt den Dichter und Sänger an mindestens zwei Instrumenten: wie er die Harfe spielt und wie er auf der Nervensäge schabt. Pablo Vega könnte seinen Königsweg nicht gehen, wenn ihm nicht plötzlich eine Gefährtin wie vom Himmel fallen würde: Die schöne junge Wandererzählerin betritt das Schauspiel, provoziert Pablo zu weiteren vieltausend Märchenworten (wie "Vorfrühlingslicht" oder "Zitronenfalterlicht"); sie zaubert ihrem Liebsten Sonne in den Schuh (kein Blut mehr im Schuh!), sie rüstet ihn und sein noch immer zagendes Volk für den Aufbruch in die Unsterblichkeit. Anne Bennent hat von allen Schauspielern am wenigsten Furcht vor den poetischen und philosophischen Steilwänden des Textes - ein holder Kobold ist sie und eine manchmal nervende Dorfschulmeisterin. Sie trägt ein lustiges Hütchen und ein buntes Kleid in den Regenbogenfarben der edition suhrkamp. Wenn man sie erträgt, muß man sie bewundern. Dies alles wäre nun ebenso holdselig wie sterbenslangweilig, gäbe es keine Widersacher gegen das utopische Projekt. Die Raumverdränger aus der benachbarten, unheilbar geistlosen Großmacht. Das Enklavenvolk selbst, das allen Königsprojekten hausmeisterhaft mißtraut (und das natürlich auch ein Gleichnis ist für Österreich, das ewige Öd-Reich). "Was für ein Festtag", sagt das Volk servil zu Pablo. Und dann, beiseite: "Wäre nur wieder Werktag." Aber der grimmigste Feind gegen den König Pablo haust in Pablo selber. In seinen Reden und Vorsätzen ist er der Kindkönig, der Vorfrühlingsmensch - doch da sind auch sein ewiger Ekel, die Wutanfälle, die unsterbliche Todesangst. Er möchte ein König werden - ob er zum König wirklich taugt, sagt das Königsdrama bis zu seinem Ende gottlob nicht. Der Schluß: kein Sieg für die Könige, sondern ein dubioses Unentschieden. Vorn auf der Bühne das Enklavenvolk, zum Königtum bereit, hinten die Raumverdrängerrotte, bedrohlicher denn je. Es ist ein Schlußbild, das an die vielleicht großartigste Szne des zeitgenössischen Theaters erinnert; wie am Ende von Ariane Mnouchkines "Atriden" die Götter der Vernunft und die Höllenhunde der Unterwelt einander starr gegenüberstanden und niemand wußte, wer den Kampf um die Welt gewinnen würde: die Schönheit oder der Mord. Der Schrecken ist, wie schon in Peymanns Shakespeare-Inszenierungen, die weitaus am schwächsten besetzte Figur. Die bösen Raumverdränger sind liebe, drollige Comic-Unholde; Bedrohungen für den Enklavenfrieden und Peymannzauber sind sie nicht. Handkes Text redet sich, oft beschwingt, manchmal mit unsäglichen Mühen, der Vorfrühlingsseligkeit entgegen - in Peymanns Theater ist von allem Anfang an warmer Frühsommer. Nicht "Seitenlicht", wie Handke bangend wünscht, sondern eitel Sonnenschein. So wird Handkes stolze Behauptung (Hier habt ihr ein unspielbares Stück!) von Peymann schnell, souverän und ein wenig altväterlich weggeräumt. So setzte man alle Wünsche auf Gert Voss: Er werde der Wolf werden in diesem immergrünen, blumenbunten, schäfchenfrommen Treiben. Vor zehn Jahren hatte er im Burgtheater den Shakespearekönig Richard drei gespielt - und da gelang ihm genau jene Verbindung aus kindsköpfiger Unschuld und Terror, die auch Handkes Pablo Vega zu einer dramatischen Figur machen könnte. Das Enklavenvolk nämlich traut seinem Königskandidaten nicht über den Weg. Ahnt, daß der Glücksprediger der schlimmste Zwingherr werden könnte. Auf solche Abgründe beim Höhenweg ist Voss seltsamerweise diesmal kaum neugierig - spielt einen poetischen, immer liebenswerten, auch ein bißchen wehleidigen Träumer, der zuletzt logischerweise in einem Pierrot-Kostüm steckt. Ich bin ein Märchen, sagt das Theater. Ich bin lieb, habt mich lieb! Soll man darüber böse sein? Freundlicher Beifall, durch eine geniale Applausregie ins schier Unendliche gedehnt. Freudenkundgebungen beim Auftritt des Burgtheaterdirektors. Jubeljauchzen beim Erscheinen des Dichters. Und Handke freute sich, und das war nach vielen schönen Augenblicken gewiß der allerschönste: Wie einer, der von der Freude so unermüdlich und manchmal so verbissen redet, sich plötzlich einfach freut, wortlos und leibhaftig. Wie ein Vorfrühlingskönig. Das manchmal Altjüngferlich-Berauschte, das manchmal Bürokratisch-Pedantische, das manchmal Priesterlich-Drohende seiner poetischen Glücksversuche - alles vergessen und weggeweht. Auch, wieviel Mühe der Dichter mit dem Märchen hat, mit wie vielen Vorsichtsmaßnahmen er es gegen mögliche Mißverständnisse schützen muß. Das Märchen sagt "Es war einmal" - und hat vor Grausamkeiten aller Art nicht die geringste Angst. Das Handke-Märchen sagt: Es könnte einmal werden, vielleicht - und es hat sich selber die Friedenspflicht auferlegt. Alle schönen Dinge der Welt (zwischen Morgenwind und Mitternachtsblues) kann es nicht einfach erzählend beschwören, es muß sie herbeireden, manchmal mit Gewalt. "Das neue Gesetz: ein freudiges", sagt Pablo Vega. "Und das, worüber es schweigt, wird seine Eleganz ausmachen." Eleganz wird man Peter Handkes Märchentheater also nicht nachsagen können. Alles Gute sonst aber schon. "Unsterbliches ist ihm nicht gelungen", sagt das Volk. "Gelobt sei Gott", sagt der Idiot. Das wäre ein mögliches Ende. Aber vielleicht wäre dies das bessere Ende: "Die Liebe ist da", sagt die Wandererzählerin. "Ich bin dir grün." (C) DIE ZEIT 14.02.97 Nr.08 |