ÄSTHETISCHE THEORIE I
...Denn während die theatralische Orientierungssuche westlich geprägter Jung regisseure offenbar eher dazu verleitet, mit meister(schüler?)haftem Geschick "wieder Geschichten zu erzählen" (T.O.) oder sich den Wonnen amüsanter Ver kürzungen hinzugeben (St.B.), hält K. an seinem zersplitternden Zugriff fest: ...
Lange Pause. Das Foyer gleicht einem Pantheon.
Sommer 1998
Manchmal ziehen Engel durch die muffigen Räume.
10.9.98
0.1.
"Mich persönlich hat es immer gestört, wenn ich ins Theater gegangen bin und bestimmte Dinge nicht verstanden habe. Mich hat das Elitäre immer angekotzt. Wenn man bei Peter Steins Inszenierung von Roberto Zucco im Foyer der Schaubühne eine Tafel Schokolade auspackte führte das gleich zu indignierten Blicken der anderen Besucher", sagte der designierte Chef derselben. Endlich wird man ungestört Schokolade essen dürfen im Foyer der Schaubühne, Shoppen und Ficken.
Daß Schokoladeessen im Foyer und "Dinge nicht verstehen" natürlich inkompatibel sind versteht sich allerdings meines Erachtens von selbst.
0.2.
Schöner dann doch dies, wenn ich mal weiter zitieren darf:
NICHTWISSEN ist nicht schon selbst der unmarked space. Es ist zunächst nur die andere Seite der Form des Wissens...
wenn man das weiß.
0.3.
Fazit: wenn ich mir im Theater Roberto Zucco anschaue, dann muß ich keine Schokoloade im Foyer essen, kann aber, und wie das Publikum um mich herum darauf reagiert hat mit der Aufführung die ich sehen werde erst einmal nix zum Tuen.
Punkt.
0.4.
Immerhinque heißt es in einer Ausschreibung für einen Kontest für junge Theaterleute:
"Gesucht wird nicht unbedingt der ordentlich gebaute Theaterabend, sondern das innovative Konzept, das auf der Suche nach neuen ästhetischen Formen eine Auseinandersetzung mit benachbarten Künsten wagt - Begegnungen des Theaters mit darstellender Kunst, Musik, Literatur, neuen Medien usw." (Hope and Glory, Gessnerallee)
0.5.
Ausgleich:
Das ist so bei angereicherten Stücken, sie erhöhen ihre Strahlkraft auf Grund der in sie eingegangenen Stoff-Verdichtung. Sie sind von daher - wie ich gerade wieder Peter von Matt im Fernsehen ausplaudern höre - realer als die Realität. Vor aller geschehenden Wirklichkeit, sagt PvM, war sie immer in der Literatur schon wirklicher.(Theweleit, demnächst)
Immerhin
...herabstimmender Hoffnungsstau im sekundären Geschmacksurteilsbetrieb...Kann es sein, daß das weitgehend durchjournalisierte Gewerbe der Literaturkritik, weil es zum Beispiel den einschlägigen Fachwissenschaften oft genug bedenkenlos den Rücken kehrt, nur zu leicht ein Opfer aller möglichen sinnbeteuernden Orientierungskrisen wird? Milieu-durchsäuerte Wahrnehmungsschwächen, Meinungskämpfe und Profilierungskrämpfe der Publizistenzunft sind nicht ohne Dauerschäden für die Geistesgegenwart dieser Kultur-Republik auf der literar-ästhetischen Diskursebene austragbar.(Harro Zimmerman, SZ 23.1.99)
2.Lieferung
28.2.1999
Nix
10.5.2001
DAS THEATER IST, BEI ALLER GESELLSCHAFTLICHEN BEDEUTUNG UND TROTZ DER HIPNESS, DIE ES SEIT PAAR JAHREN AUCH HAT, IMMER NOCH ZUALLERERST EIN ABSTOSSENDER BUNKER; EIN ORT DER EXKLUSIVITÄT; EINE ARROGANT FAST NUR MIT SICH SELBST BESCHÄFTIGTE WELT. EIGENTLICH WAS WAHNSINNIG DEPRIMIERENDES. SO SIND AUCH DIE MEISTEN THEATERKRITIKER TOTALE IDIOTEN, KANN MAN WAHRSCHEINLICH IN ALLER RUHE SO SAGEN, AUCH WEGEN DER MACHT, DIE SIE HABEN, MACHT UND TEXT PASSEN NICHT ZUSAMMEN. DIE IN BÜCHERN VERSTECKTE LITERATUR IST DEMGEGENÜBER VIEL ZUGÄNGLICHER, MENSCHENZUGEWENDETER,EINLADEND, AUF HEIMLICHE ART OFFEN. EIN BUCH KANN MAN SICH RELATIV LEICHT ÜBERALL KAUFEN, DIE THEATERAUFFÜHRUNG NUR VOR ORT UND ZU BESTIMMTEN ZEITEN ANGUCKEN. LITERATURKRITIK STELLT SICH DADURCH AUF GANZ ANDERE ART AUTOMATISCH DER ÜBERPRÜFBARKEIT, DAS WIRKT ZURÜCK AUF DIE SERIOSITÄT. (RAINALD GOETZ in Berlin am 14.Juli 2000)
12.5.2001
Enttäuschung machte sich breit.
Diesen Mai kann uns keiner nehmen
Was war schließlich? Man könnte durchaus sagen, Stichwort ShakespeareNähe, dass Schlingensiefs Deutung „Hamlet" als politisches Stück ernst genommen hat; dass er Sätzen wie „Der Aussätzige mag sich jucken, unsere Haut sei rein" oder „Der Normalfall bedeutet nichts, die Ausnahme alles" einen neuen Klang gegeben hat; dass er die Schauspielertruppe als Spiegel gesellschaftlicher Widersprüche zynisch-provokant etabliert hat. Man könnte auch sagen, Stichwort Theaterästhetik, dass Schlingensief am Züricher Schauspielhaus, dieser derzeit wohl vielgesichtigsten Stätte des ästhetischen Experimentierens, mit einem Theater nach der Dekonstruktion gespielt hat, ohne dabei wirklich zu einem Ergebnis zu kommen, was aber nichts macht, denn der Gedanke ist hier das Ziel. Man könnte auch sagen, Stichwort Stellenwert, dass es immer Sinn macht, eine Inszenierung von Schlingensief in Berlin zu zeigen, die Frage ist dabei immer nur, wo hört die Inszenierung auf und wo fängt der Rest an? Was bleibt schließlich? Ach ja, Schweigen.
„Den Mai 2001, Zürich, das kann uns keiner nehmen", sagt eine der Glatzen, bevor er die Bühne verlässt. „Was mich betrifft", sagt Christoph Schlingensief als Fortinbras am Ende, „was mich betrifft, mein Glück umfang ich trauernd." Es war ein Sieg des Theaters über das Theater. Erschöpft sinken beide zu Boden.
(GEORG DIEZ)
22.06.2001
Kürzlich in New York. Als der Künstler X (Name von der Redaktion vergessen) nachts aus seinem Urlaub nach Greenwich Village heimkehrte, erschrak er sehr. In seinem Schlafzimmer hatten sich Riesen eingenistet. Gigantische Köpfe bewegten die Lippen, es war, als hielten der Koloss von Rhodos und die Freiheitsstatue Zwiesprache. X rieb sich die Augen, doch gegen die Kolosse half kein Zauber. In seiner Abwesenheit hatte nämlich ein Ladenbesitzer aus der Nachbarschaft eine neue Werbekampagne ersonnen: Auf dem Dach des Ladens, vor dem Schlafzimmer des Künstlers, errichtete er eine Leinwand. Auf ihr spielen nun Szenen aus einem Film von Godard, 24 Stunden am Tag.
X lebt seitdem buchstäblich auf den Knien; zu Füßen der unbegrenzt Haltbaren, der Verfilmten. Was wird der kleine Kreative, dessen Geschichte in der New York Times zu lesen war, jetzt wohl tun? Er kann die Fäuste schütteln und Flüche zur Leinwand hinaufsenden. Oder er gibt sich geschlagen, spricht den Kolossen dort oben den Text vor und bastelt sich aus den Spänen und Fetzen, die von der Leinwand herunterregnen, seine eigene Welt
Genau das ist die Lage vieler Theaterleute. Sie arbeiten auf den Knien, und die Hoheiten, vor denen sie sich verneigen, sind das Kino, die Videokunst, das Fernsehen. Sie reden zwar von kritischem oder subversivem Umgang mit den Leitmedien. Aber oft wirkt ihre Arbeit wie ein bitterernstes Totalkaraoke. Hinter aller Lust an der Parodie spürt man dann wilde Entschlossenheit, nach drüben in die Filmwelt zu gelangen, sich hineinzuprügeln in ein zeitenthobenes Hoheitsgebiet. Und immer ahnt man den Neid der Theaterleute auf das unerreichte, Welten öffnende cineastische Allzweckmittel: das Close-up, die Großaufnahme des Menschengesichts bei beherztem Einsatz von Musik.
(Peter Kümmel)