Oberlehrer Galileo
Was hätte wohl Galileo Galilei dazu gesagt, dass Kinder im 21. Jahrhundert unter Anleitung eines Druiden keltische Götter anbeten, um ein aufziehendes Gewitter zu vertreiben, wie beim Samhain-Fest geschehen? Wenige Tage vorher hatte Hartmut Geffke, der jetzt in violetter Kutte einen dämonischen Druiden spielt, als Brechts Galileo Galilei in einer Inszenierung von Hartmut Wickert auf der großen Bühne an der Parkaue gestanden. Lustvoll fuchtelte er in seinem Labor mit antiquiertem technischen Gerät gegen alle religiösen Denkzwänge, fabulierte von Physik und Weltraum, dass es eine Freude war, ihm zuzusehen. Einen Moment lang nimmt der Abend tatsächlich Anlauf zu einem Wissenschaftsthriller, der Lust macht auf Physik, Mathematik und Kindern sogar noch die rätselhafte Psyche von Mathematiklehrern näher bringen könn te. Leider verliert man dann aber schnell den Spaß an dem rechthaberischen Weltverbesserer, als der sich dieser Galilei schnell entpuppt. Bald nämlich wandelt sich sein Forschergeist zum Wahrheitsfundamentalismus und verschlingt schließlich Jugend und Glück seiner Tochter Virginia. Am Ende bleibt offen, was diesen oberlehrerhaften Galilei nun gerade zum Helden für ein jugendliches Publikum prädestinieren soll.
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Esther Slevogt / Theaterheute / Seite 76 / Dezember 2005


Theatre Research International

    Theatre Research International (1997), 22: 38-48
    Copyright © International Federation for Theatre Research 1997
    DOI: 10.1017/S0307883300015935 (About DOI)
    Published online: 23 January 2009

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Table of Contents - 1997 - Volume 22, Issue 01  

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Articles
The Impossible Representation of Wonder: Space Summons Memory
Alfred Nordmann and Hartmut Wickert

Actors typically create characters and thereby appropriate the time of the performance and the space of the stage. As a common denominator to the words spoken and actions performed, the character correlates dramatic time with real performance time. When Kant says of the human subject ‘the “I think” must be able to accompany all its representations‘, the actor might say of the character ‘it must be able to accompany all my presentations’. Similarly, the stage as a hostile, indeterminate, and empty space makes room for the character, it is appropriated as a necessary platform for the realization of the character or as the medium for the production of its history: in the name of the character the actor can step into this space as into a costume; it clothes, contours or profiles, and physically projects the character.


Martin Walser
Nero läßt grüßen oder Selbstporträt des Künstlers als Kaiser
Martin Walser

Ein Monodram

1 Herr, 1 Dekoration

UA: Stadttheater Konstanz in Meersburg
21.06.1989
Regie: Hartmut Wickert


Ein Abendessenritual wird bis ins Absurde gewendet
zuletzt aktualisiert: 11.06.2002 - 22:54

Hat jemand den Wein gelobt? Vielleicht haben Sie es bemerkt, das Menü scheint in der letzten Zeit zu einer beliebten literarischen Form geworden zu sei. Nun benutzt also das Theater das Genre "Menü". So wird "Die Erzählung der ganzen Geschichte" von Ulrich Zieger intelligent geschrieben und vom Theater Bielefeld glänzend in Szene gesetzt.

Ein Abendessenritual bestimmt die Atmosphäre, diktiert das Benehmen von Vater und Söhne. Frittatensuppe: Drei Schauspieler zeigen unter der Regie von Hartmut Wickert mit Meisterschaft in einem ironischen Spiegel Klischees männlichen Benehmens. Die Peinlichkeit der ersten Begegnung, die förmliche Präsentation der verpackten Geschenke, leere Redensarten, abgeschliffene Reaktionen. Jakobsmuscheln: Diese Speise fordert eine besondere Virtuosität vom Esser. Alberteau fängt das in der Luft springende Muschelfleisch auf. Nicht zufällig ist er beim Zirkus als Hilfsdompteur. Ähnlich virtuos rieseln die Wortkaskaden.

Dazu kann Vater nur sagen: "Du hast aber sehr gut sprechen gelernt." Hasenpastete: Tafelritual als eine Formel des entpersönlichten Lebens wird bis ins Absurde gewendet. Aber es ist eine Rettung für die Helden, eine Möglichkeit, Leere und den Mangel an echtem Austausch zu kaschieren. Fleisch: Nein, gibt es kein Essen auf der Bühne, die Schauspieler beschäftigen sich mit unsichtbaren Speisen, wie auch eine angeblich getötete Frau im Obergeschoss wahrscheinlich nicht existiert, wie alles, was sie über sich erzählen, als Halblüge erscheint.

Es kommt der Moment, in dem die Bühnenaktion in eine Sackgasse und der Autor an einen Scheideweg gerät. Wohin werden die Personen abgefertigt: in eine sentimentale Reise zur verschwundenen Mutter oder in eine Clownerie? Die Frage nach dem Sinn (des Zusammentreffens, des Lebens) schwebt über der ganzen Aufführung. Dessert: Das Dessert ist im Theaterstück verbrannt. Der als trauriger Clown verkleidete Vater und das Motiv der im Bühnenlicht sterbenden Personen sind zu fette Zitate aus Pirandello. Also ein angebranntes Theaterfinale. Und doch möchte ich aus dem Genre "Menü-Rezension" (Entschuldigung: Mini-Rezension) heraustreten und kindlich sagen: "Mir hat die Aufführung gefallen." Ein Bravo den Schauspielern! Tatiana Ratobylskaja
Quelle: NGZ

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"Empowerment" und "Bologna-Prozess" | 06.04.2007 | Hans-Christoph Zimmermann
Der raue Wind der Ökonomie

Schauspielschulen begreifen ihre Ausbildung immer mehr als Vorbereitung auf einen Markt, auf dem sich jeder selbst verkaufen muss

"Das kannst du vergessen. Vergessen" "Was soll das heißen?" "Was das heißen soll?" "Ja" "Das ist doch wohl völlig klar: das heißt, dass du ..." - die Sätze zischen durch den Raum wie Peitschenhiebe. Anna Staab und Matthias Eberle proben eine Szene aus Roland Schimmelpfennigs Push up. Doch die beiden Schauspielschüler der Essener Folkwang Hochschule sind unzufrieden: seit Tagen arbeiten sie alleine an der Szene, aber die emotionale Palette will nicht farbiger werden. Dass Anna Staab und Matthias Eberle eine Dialogszene ohne Lehrer erarbeiten, ist nichts Außergewöhnliches. In Zukunft soll dies sogar weit stärker die Essener Schauspielausbildung bestimmen als bisher.

Seit 2001 arbeitet die Folkwang Hochschule an einem neuen Ausbildungskonzept. Der Anlass für die Reform liegt zum einen in der Vereinheitlichung der europäischen Hochschul-Ausbildung, die unter dem Stichwort "Bologna-Prozess" firmiert. Dahinter verbirgt sich kurz gefasst: die Einführung einer Bachelor/Master-Studienstruktur, Mobilität der Studierenden, Einführung eines gemeinsamen Punktesystems, Vergleichbarkeit der Abschlüsse, Beteiligung der Studierenden und Europäisierung des Hochschulbereichs. Zum Zweiten hat man die anstehende Fusion mit der Bochumer Schauspielschule und die veränderte Marktsituation für Schauspieler als Chance begriffen, so Dekanin Marina Busse, "die Ausbildung grundsätzlich zu hinterfragen".

"Marktsituation" meint dabei vor allem die sich auflösenden Ensembles. Hanns-Dietrich Schmidt, Professor für Dramaturgie und praktische Theaterarbeit: "Es gibt immer weniger Anfängerstellen für Schauspielabgänger, aber immer mehr Möglichkeiten zu gastieren." Abgänger müssten sich deshalb viel flexibler und selbstbewusster in Zwischenbereichen bewegen, in denen sie Stücke oder spartenübergreifende Projekte entwickeln, anschließend arbeitslos seien, dann wieder in Filmen mitwirkten. Die Konsequenz daraus ist, so Schmidt, "dass wir die Eigeninitiative, das Selbstbewusstsein und die Eigenarbeit des Schauspielers stärker fördern wollen".

Ein verbindlicher Lehrplan wird erst 2008 fertig sein. Doch klar ist, dass die vierjährige Ausbildung erhalten bleibt, der Fokus auf der klassischen Rollenausbildung allerdings schwächer wird. Studenten der Ausbildungsgänge Schauspieler, Mime/Körpertheater, Regie und des neuen Fachs "Theater machen" absolvieren zunächst eine einjährige gemeinsame Grundausbildung, bevor man sich dann stärker auf die facheigenen Inhalte und schließlich die Arbeit in Produktionen konzentriert. Wichtig ist die Durchlässigkeit der Studiengänge und die Erhöhung der Zahl an freiwilligen Kursen für die Studenten.

Stolz ist man besonders auf das neue Fach "Theater machen", das in Kooperation mit Performern wie der britischen Gruppe Forced Entertainment entwickelt wurde. "Das zielt", so Hanns-Dietrich Schmidt, "auf einen selbständigen Autor-Produzenten, also jemand, der im Bereich Performance arbeiten kann, der seine eigenen Stücke schreibt, der aber auch weiß, wie er Sponsorenmittel von welchen Leuten bekommt". Ein Trend zu Unternehmertum und Selbständigkeit, der aber auch noch auf anderer Ebene greift.

"Wir müssen die Schüler viel mehr fordern, selbst Entscheidungen zu treffen", sagt Dekanin Marina Busse und weiß, dass sie damit den Finger auf zwei Wunden zugleich legt. Da sind einmal die Bildungsdefizite vieler Schüler, die die Dekanin schon mal ihre Studenten ins Museum schleppen lässt. Das andere Problem ist gravierender: Es gibt nicht genug Studenten mit Biss und Durchsetzungskraft. Marina Busse macht dafür die behütete Erziehung durch die 68er-Eltern verantwortlich. Was dies für die Besetzungspolitik, für Rollenprofile bedeutet, kann man nur erahnen. Aber nicht umsonst taucht in Essen und an anderen Schulen wie ein Mantra das Wort von der "Selbständigkeit" auf. Offensichtlich geht es dabei um Strategien, die als empowerment in Mode sind. Empowerment wurde ursprünglich von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der siebziger Jahre geprägt und meint eine Selbstermächtigung, die Verantwortung nicht mehr auf Instanzen wie Gesellschaft oder Eltern abwälzt. Nach Gründen wird nun nicht mehr gefragt; empowerment will die vermeintlich ungenutzten Autonomie- und Machtquellen des Subjekts freisetzen und sie einer umfassenden Selbstkontrolle zuführen. Die Parallelen zur Schauspielausbildung sind dabei schlagend. Mit anderen Worten: die Folgen der Erziehung von 68 werden nun mit weiterentwickelten Empowermentstrategien derselben Generation wieder wettgemacht, damit den Schauspielschülern der raue Wind des Marktes zur Brise wird.

All die neuen Lehrinhalte müssen nun mit dem im "Bologna-Prozess" vorgesehenen Modulsystem und der Bachelor/Masters-Struktur des Studiums verbunden werden. Um den Bachelor hat man sich in Essen allerdings gedrückt und den neuen Folkwang-Abschluss kurzerhand in "Art Diploma" umbenannt. "Unsere intensive Ausbildung ist eher dem Master adäquat", begründet Hanns-Dietrich Schmidt die Entscheidung.

In der Schweiz ist man da weiter. Die deutsche Kritik an der modularisierten Schauspielausbildung wie der Umwandlung des Diplomabschlusses teilt Hartmut Wickert, der Departmentleiter für Darstellende Kunst und Film der Zürcher Hochschule für Musik und Theater, nicht. In Zürich hat man einen dreijährigen Bachelor-Studiengang eingerichtet, der allerdings nicht "berufsqualifizierend" ist; sondern nur die "Eintrittsberechtigung, um den eineinhalbjährigen Master-Studiengang zu beginnen". Am schauspielerischen Basisunterricht ändert sich nichts, doch der ab 2008 angebotene Masterstudiengang soll als "projektorientierter Ausbildungsteil, bei dem größere und kleinere Aufführungen realisiert werden" dann mehr Mobilität ermöglichen. Dafür haben sich die Schauspielschulen in Zürich, Bern, Verscio und Lausanne zu einem Angebotspool zusammengeschlossen, aus dem die Studenten sich ihre Fächerkombination zusammenstellen. Schon heute machen Studenten aus Gießen und Hamburg ihren Abschluss in Zürich. Hartmut Wickert kann sich vorstellen, dass in Zukunft in Bereichen wie Performance auch englischsprachige Studenten nach Zürich kommen. Schöne Welt der Globalisierung oder neue Internationale der Schauspielkunst?

Bologna wird kommen und die hiesigen staatlichen Schulen werden sich dem anpassen müssen. Doch was bedeutet "Bologna" für die privaten Schauspielschulen? "Wir haben ein sehr kritisches Verhältnis zu den privaten Schauspielschulen", sagt Michael Schäfermeyer von der ZBF ohne Umschweife und weist auf Defizite bei den Ausbildungszeiten, den Curricula oder den Lehrenden hin. Die Zahl der Privaten schätzt er auf 150 bis 200 - gegenüber 18 staatlichen deutschsprachigen Schauspielschulen. Dass dies zu einem Zweiklassensystem geführt hat, ist nur das eine. Der gewaltige Output der Privaten sei auch arbeitsmarktpolitisch ein Problem, weil die meisten Schüler auf dem Markt gar keine Chance hätten. Bis auf wenige Ausnahmen lässt die ZBF zu ihren Vorsprechen Privatschulen gar nicht mehr zu: "Die Ergebnisse sind in aller Regel deplorabel". Eine dieser Ausnahmen ist die Schule des Kölner Theater der Keller.

Symptomatisch ist, dass 1954 zunächst die Schule, dann erst das Theater gegründet wurden. Diese Genese ist Programm insofern, als die Schüler bereits früh Bühnenerfahrung sammeln sollen. Der Lehrplan mit Grundlagenunterricht, tägliches Bewegungstraining bis zu individuellem Rollenstudium unterscheidet sich kaum von der Folkwang Hochschule. Erstaunlich ist jedoch die große Anzahl von 19 Dozenten, aus dem vor kurzem Dozentin Estera Stenzel als Professorin an die Hochschule Ernst Busch berufen wurde.

Doch die geringe Zahl von 24 Semesterwochenstunden führt ins Herz des Problems. Privatschulen sind Wirtschaftsunternehmen, die von ihren Einnahmen leben müssen. "Dadurch dass sich die Schule vollständig selbst finanziert", so Direktor Hanfried Schüttler, "ist keiner der Lehrer festangestellt." Jede Erweiterung des Lehrangebots kostet Geld, das die Schüler bezahlen müssen. Die monatlichen Belastungen liegen jetzt schon bei 350 Euro im ersten und 385 Euro ab dem zweiten Jahr. Die Schule gerät dadurch in einen Teufelskreis: je mehr Schüler, desto mehr Einnahmen. Trotzdem leistet man sich ein knallhartes Prüfsystem, das nach jedem (!) Semester aussiebt, so dass am Ende der Ausbildung von 15 Schülern oft nur noch acht übrig bleiben. "Bisher hat das Inhaltliche über das Wirtschaftliche gesiegt", sagt Hanfried Schüttler stolz. Was andererseits zur Folge hat, dass Schüler im zweiten Jahr nur 90 Minuten genuinen Rollenunterricht pro Woche erhalten.

Nun kommen die Auswirkungen des "Bologna-Prozesses" hinzu. Dass Studenten zwischen privaten und staatlichen Hochschulen wechseln, scheint wenig wahrscheinlich. Vielleicht deshalb spricht Hanfried Schüttler eher von Kooperationen mit Medienhochschulen, Angeboten im Bereich Fernsehen und Casting, stärkerer Verbindung von praktischer und inhaltlicher Arbeit. Seine Marktanalyse und Lösungsstrategien ähneln dann auf verblüffende Weise denen der Folkwang-Hochschule. Auch an der Schule des Keller Theaters sollen Eigenengagement und Selbstermächtigung des Schülers immer größer geschrieben werden.

Und gerade da fühlen sich die Keller-Schüler im Vorteil. Der junge Firat Baris Ar: "Wir wissen, dass wir eine gute Ausbildung bekommen, aber letztendlich ist es eine private Schule und wir müssen mehr kämpfen." Der türkischstämmige Schauspielschüler weiß, wovon er spricht. Er hat seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann abgebrochen, musste seine Eltern von seinen Plänen überzeugen, hatte nach drei Vorsprechen immerhin zwei Zusagen von Schulen und ist nun, wie er sagt, in eine völlig neue Welt eingetaucht. Um die Zukunft ist ihm deshalb nicht bang. "Ich glaube, dass die Leute, die es hier schaffen, härter und innerlich reifer sind als die anderen." Keine schlechten Voraussetzungen, um am Ende auf dem hart umkämpften Markt zu bestehen.

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Happening in der Heiner Müller-WG

Thüringische Landeszeitung, 17.12.2004, Frank Quilitzsch

"Rede, Genosse Mauser!" schnarrt die Stimme der singenden BE-Legende Ernst Busch. "Gaul Geschichte, du hinkst!" Der Raum, eine Art Hinterhof, in dem nur ausrangiertes Mobiliar und Stapel von Bücherkartons lagern, lädt sich mit Pathos auf. "Ernst Busch", so heißt heute noch die Berliner Schauspielschule, die jährlich ihre Talente in die Theaterwelt entlässt - auch nach Weimar und Jena -, doch mit Pathos hat das Ensemble des Jenaer Theaterhauses nichts am Hut. Sonst hätte es sich kaum für Heiner Müller entschieden.

Aber wie nähert man sich dem vor neun Jahren verstorbenen "Klassiker", der seine produktivste Zeit in den Zeiten der Diktatur hatte? Man gründet, entschied Hartmut Wickert, der im Westen aufgewachsene Regisseur, eine WG. Eine Heiner Müller-WG.

Und so hocken sie denn, umstellt von Flaschen und Broschüren, in ihrem Verschlag und starren die Drogerie-Tüte an: Alles Müller, oder was? Macht Müller glücklich? Draußen lauert das Publikum, alles scheint möglich - Ruhm und Gloria oder das totale Scheitern.

Ewiger Bruderzwist

Übergehen wir rasch den didaktischen Einstieg, diesen peinlichen Anflug von Müller-Text-Stotterei, stürzen wir uns gleich in den urgermanischen Bruderzwist, den Wickert leitmotivisch an den Anfang seiner Inszenierung rückt: Arminius beschimpft Flavus, ein prähistorischer Fall mit kriegerischen Folgen. Schon formiert sich das Ensemble zum Chor, skandiert den Text technisch einwandfrei und in gebotener Schärfe.

Allen Skeptikern zum Trotz: Nach dem Debakel zur Spielzeiteröffnung vor wenigen Wochen schwang sich das Jenaer Ensemble am Donnerstag mit Heiner Müllers "Germania Tod in Berlin" zu ansprechender Leistung auf. Die historische Verquickung von Hoffnung und Verrat, Utopie und Wirklichkeit wird als Ursache für das Scheitern des Sozialismus vorgeführt. Wickert animiert die jungen Darsteller, das spielerische Potenzial des Textes aufzuspüren und lustvoll als Revue zu improvisieren.

Wie sie das anpacken, hätte wohl selbst dem Autor gefallen: Frauen spielen Männer - Gina Henkel als Preußenkönig im Faltenrock und Sophie Hottinger als aufmüpfiger, plappernder Müller von Potsdam. Ursula Renneke als Diktator in der Hitler-Parodie, eskortiert von der Goebbels-Darstellerin Andrea Schmid. Die Kannibalen auf dem Schlachtfeld von Stalingrad, das sind Zombies, die zu Rammstein-Musik erwachen.

Im Mittelpunkt steht, abwechselnd von mehreren Darstellern verkörpert, der deutsche Arbeiter, der das Friedrich-Monument abreißt und an seiner Statt auf dem Laufsteg festgenagelt wird. Eine mehrfach gebrochene Figur, probt er im Juni 1953 den Aufstand und widersetzt sich zugleich, wettert auf die Russen und begrüßt die Panzer, landet im Knast und erleidet den Siechtod am Krebsgeschwür des Stalinismus. Bernhard Dechant ist der ewige Propagandist, Tim Ehlert der Provokateur, Roman Haselbacher der alte Kommunist, der für seine Ideale im Gefängnis landet.

Die Inszenierung zieht ihre Spannung aus dem Generationsunterschied. Müller, der zynische Prophet, trifft die kritischen Jünger der Müller-Kaufhauskette. Der Klassenkämpfer Ernst Busch singt im Fieber mit Herbert Dreilichs "Der blaue Planet". Die sieben Mitglieder der Jenaer Heiner Müller-WG sind höchstens Dreißig, rekrutieren sich aus Ost und West und aus der Schweiz. Unter Wickerts Führung tun sie, was sie können, und sie können, was sie tun: Müller spielen! Frech, dynamisch, witzig, hintergründig und ein bisschen infam. Ein Weltanschauungs-Happening.

"Ist der schon tot?"

Und es macht Freude, ihnen dabei zuzuschauen. Wie sie die Szenen im Raum entwickeln, sich den Figuren mit Misstrauen nähern, dann aber auf sie aufspringen und mit ihnen galoppieren. Tische werden zu Barrikaden, Tischdecken zu Laken und Leichentüchern. Sinkt der Energiepegel, wird in der WG nachgetankt. Dort läuft ein Heiner Müller-Video. "Ist das der Müller?" fragt die Müllerin immer wieder zweifelnd. "Ist der schon tot?"

Man mag gar nicht glauben, dass jener die "Germania"-Szenen schon 1971 fertiggstellt hat. Der einzige Zwischentext, "Nachtstück", erzählt monströs von der Geburt des mündigen Menschen - durch den Schrei. Eine pantomimische Glanzleistung von Sophie Hottinger.

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Die Scheinbarkeit und die Irrnis
http://www.welt.de/print-welt/article594708/Erotischer_Schaukampf_im_Nachtclub.html