Fast Trip to Slow Suicide – Eine Einführung

 

 

1.

 

Das Produktionsteam: Hartmut Wickert ist seit 1993 fester Regisseur am Schauspiel Hannover. Seine letzten Arbeiten in Hannover waren das Musical Black Rider, Peter Handkes Zurüstungen für die Unsterblichkeit und Koltes’ Rückkehr in die Wüste. Marina Hellmann entwickelte in der letzten Spielzeit den Raum und die Kostüme für Handkes Zurüstungen. Sie ist in Belgrad geboren, hat dort Architektur und Bühnenbild studiert. Im ehemaligen Jugoslawien hat sie an fast allen bedeutenden Theatern gearbeitet. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie als freie Bühnenbildnerin in Deutschland. Anja Kroh arbeitet als Kostümbildassistentin am Staatstheater Hannover. Eigene Arbeiten zuletzt in Mainz für Hartmut Wickert und am Schauspiel Hannover für Erik Gedeons Ein Mann zuviel. Hannes Hellmann war lange Jahre ein Protagonist bei Roberto Ciulli im Theater an der Ruhr Mülheim. Zuletzt war er am Hamburger Thalia Theater engagiert. Seit dieser Spielzeit arbeitet er frei. Maike Bollow ist seit 1991 und Harald Baumgartner seit 1993 Ensemblemitglied des Schauspiel Hannover. Die Schauspielstudenten kommen aus dem Abschlußjahrgang der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Fast Trip to Slow Suicide ist für sie die Abschlußarbeit ihrer Diplomausbildung.

 

 
Fortführungen

Fast Trip to Slow Suicide ist der Versuch einer inhaltlichen wie formalen, auch an Personen gebundene Fortführung von drei Inszenierungen aus der letzten Spielzeit.

In der UR/FAUST-Inszenierung von K. D. Schmidt, die Teile aus Faust I in den Urfausttext verschnitt, ging es um Entgrenzung, Erfahrungssucht, Rausch, Drogenkonsum. Harald Baumgartner und Maike Bollow spielten Mephisto und Marthe Schwertlein. Einar Schleefs Frage „Wieviel Droge braucht der Mensch?“ aus seinem großen Essay Droge Faust Parsifal soll auch jetzt ein zentraler Ausgangspunkt unserer spielerischen Untersuchung des Faustmaterials sein.

Zweitens ist unser „Fast Trip“ eine Fortsetzung der Arbeit „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“ von Peter Handke. Hartmut Wickert arbeitete gemeinsam mit Marina Hellmann zum ersten Mal mit einer Abschlußklasse der Hochschule für Musik und Theater Hannover zusammen.

Ein Königsdrama: der Königssohn Pablo hatte ein neues Gesetz des Zusammenlebens zu verkünden. „Dein Hintergedanke, Herr Faust Drei und Solon vier, beim Deichebauen, Atomkernbeschießen, Neue-Spiele-Entwerfen, ist sogar dein Leitgedanke. Was dich ständig zum Pioniertum treibt, das ist die Mordgier“, wirft ihm der Häuptling der Raumverdränger vor. Pablos Gesetz lautete u.a.: „..ein neues Grundsatzverbot: Das Verbot der Sorge.“ „Hast Du die Sorge nie gekannt?“ - die Sorge selbst, ein graues Weib, sagt es im 5. Akt zu Faust und schlägt ihn mit Blindheit. Handkes Gesetz - „Laß dich anschauen“ - ist ein Gegenprogramm zu Fausts Lebensentwurf.

  Komm endlich, Freude! sagte er. Und es kam der Schmerz. Und es kam die Freude... Einer wird es einmal schaffen. Das haben schon viele gesagt? Umso besser. Wie lebendig so ein Weg ist in der Sonne, und auch ohne sie. Nichts Farbenprächtigeres auf der Welt. Und jeder Stein und jedes Sandkorn und jede Wurzel spricht und redet da miteinander und zu mir. Was fur ein Zusammenspiel...  Was ein Weg ist, weiß nur, wer auf dem Weg ist, oder wer ihn träumt. Und welch ein Licht jetzt.Vorfrühlingslicht. Zitronenfalterlicht. Gleich wird so ein Gelber oder, wie heißt es im Volksmund?, "lieber Kömmling" aufkreuzen, und das wird heißen: Ein für allemal Friede, menschliche Unsterblichkeit.

Anstelle des

FAUST, (erblindet.)

    Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen,

    Allein im Innern leuchtet helles Licht;

    Was ich gedacht, ich eil' es zu vollbringen;

    Des Herren Wort, es gibt allein Gewicht.

    Vom Lager auf, ihr Knechte! Mann für Mann!

    Laßt glücklich schauen, was ich kühn ersann.

    Ergreift das Werkzeug, Schaufel rührt und Spaten!

    Das Abgesteckte muß sogleich geraten.

    Auf strenges Ordnen, raschen Fleiß

    Erfolgt der allerschönste Preis;

    Daß sich das größte Werk vollende,

    Genügt ein Geist für tausend Hände.

 

  Das Verhältnis des Einzelnen zu einer Gemeinschaft, zur „zaudernden Menge“, die Arbeit des Künstlers an der eigenen Unsterblichkeit: zwei Themen, die uns wichtig in Faust II erscheinen.

Während der Autorentheatertage 98 inszenierte Hartmut Wickert Tatar Titus von Albert Ostermaier. Hannes Hellmann, damals als Gast vom Thalia Theater, spielte in dieser Monologfassung einen Schriftsteller, der als dienstbarer Helfer der politischen Macht von dieser fallengelassen wurde. Der ästhetisch-radikale Dichter verwandelt sich zum isolierten Schatten seiner selbst.

Eine Metamorphose vom lebendigen ins versteinerte. Vermutlich ein Zentralthema im Faust.

 

3. Einleitung

Ein Lebenswerk: von 1770 bis zu seinem Tode 1832 arbeitete Goethe an seinem Faust. Als Goethe den zweiten Teil seiner Faustdichtung abgeschlossen hatte, tat er etwas sehr merkwürdiges. Er versiegelte das Manuskript und weigerte sich, es zum Druck zu bringen. Es sollte erst nach seinem Tod veröffentlicht werden. Im letzten Brief, den Goethe schrieb, antwortete er Wilhelm von Humboldt auf dessen Bitte, ihm doch sein Manuskript zugänglich zu machen, folgendes:

„Ganz ohne Frage würde es mir unendliche Freude machen, meinen werten, durchaus dankbar anerkannten, weit verteilten Freunden diese sehr ernsten scherze zu widmen, mitzuteilen und ihre Erwiderung zu vernehmen. Der Tag aber ist wirklich so absurd und konfus, daß ich mich überzeuge, meine redlichen, lange verfolgten Bemühungen um dieses seltsame Gebräu werden schlecht belohnt und an den Strand getrieben, wie ein Wrack in Trümmern daliegen und von dem Dünenschutt der Stunden zunächst überschüttet werden. Verwirrende Lehre zu verwirrten Handel waltet über die Welt.“

Was Faust II alles ist, alles sein könnte, wie man dieses Werk denn lesen kann, welche Lesarten es gegeben hat und geben wird – darüber arbeitet die Germanistik jetzt seit über 160 Jahren:

„Wer auch nur flüchtig in einer Faust-Bibliographie blätterte, kennt die Verwirrung, die die Unzahl von Titeln auslöst; wer die Mühe nicht scheut, das Dickicht der Titel zu lichten und Themen und Thesen durch angestrengte Lektüre zu verlebendigen, findet sich aufs neue und noch gründlicher verwirrt: Angesichts der vielfältigen und widersprüchlichen Meinungne ist ihm am Ende wie dem Von Mephisto genasführten Schüler zumute:“

Werner Keller, Herausgeber des Sammelbandes „Aufsätze zu Faust II“ in seinem Vorwort.

Die Frage bleibt, ob unsere Welt – in Goethes Ahnung „verwirrende Lehre zu verwirrten Handel“ - noch einen inneren Zugang zu diesem Werk finden kann – und was man mit diesem „Wrack in Trümmern“ heute erzählen kann. Zwei Stichworte aus der neueren Germanistik scheinen in diesem Zusammenhang uns wichtig:

-         Goethes Ambiguitätstoleranz – das heißt, seine Fähigkeit, Widersprüche bis zuletzt auszuhalten, sich nicht zu entscheiden zu wollen, sich auf Mehrdeutigkeiten einzulassen. Nicht die eine, ausschließende, und dann falsche Lösung wollen. Faust II ist das Werk „eines Kollektivwesens, und es trägt den Namen Goethe“ (Goethe in einem Gespräch wenige Tage vor seinem Tod), ein offenes Kunstwerk, das wie ein „Schwamfamilie“ (eine Formulierung von Albrecht Schöne) alles aufsaugt, aufschwemmt: Weltentstehungsmodelle, Geldtheorien, antike und vorantike Mythologien, eine Farbenlehre, Revolutionstheorien, Besiedlungs- und Meergewinnungskonzepte, eine nichtchristliche Erlösungsvorstellung, Dramenfiguren und Versformen aus der gesamten abendländischen Theatergeschichte und und und.... Und kaum etwas geht mit dem anderen auf – und das ist keine Schwäche des „alten Goethe“, wie die ersten Leser glaubten, sondern eine gewollte Qualität. Und dieser Schwam hält es sicher aus, wenn wir hier und da ein wenig pressen, um zu sehen, was dabei (heraus) kommt.

-         Metamorphosen. Verwandlungen. Faust als wandelnder, sich verwandelnder Reisender durch die von ihm produzierten Welten. Verwandlung als lebensnotwendiger Prozeß. Die Frage ist, ob es hier Verwandlungen sind ins Lebendige oder ins Tote, Erstarrte. Der Weg von Faust: ist er ein Weg in die Vollkommenheit (die Perfektibilitätsthese der älteren wie später der realsozialistischen Germanistik – „wer immer streben sich bemüht, den können wir erlösen“) oder ist eher Albrecht Schöne zuzustimmen:

„In das hochproblematische Charakterbild gehört das rücksichtslos egozentrische Genußstreben und Besitzverlangen dieses freudlosen Verderbensbringer, dessen Unternehmungen doch unentwegt scheitern und ausnahmslos in Katastrophen führen.“

 

Vielleicht sind diese Verwandlungen eben ein „Fast Trip to Slow Suicide“. Trip meint Reise, Rausch, Traum, Droge, meint „künstliche Welten“, das Erleben und das Produzieren von künstlichen Welten. „Am farbigen Abglanz haben wir das Leben“ – das ist der Perspektivenwechsel von Faust I zu Faust II, es geht um eine vermittelte Verhätnisbestimmung zwischen Ich und Welt, Eigenem und Fremden. Abglanz meint nicht verklärt oder abgeklärt, sondern Vermittlung, Kunst. Gretchen wird zu Helena, das Naturschöne zum Kunstschönen, das Licht zum Abglanz, das Leben zu Kunst, von der kleinen Welt geht es in die große Welt. Wenn man die Sonne im Rücken hat, sieht man den Regenbogen und over the rainbow (sang Judy Garland) begann für Alice ihr Wunderland und für Faust sein Wunderland der Triebe / der Liebe.

Und vielleicht führen alle Verwandlungen dieses Faust in das Tote: ein langsames Sterben, ein unbewußt gewollter Selbstmord. Ein Selbstmord aus Sorg-losigkeit. Der fünfte Akt ist auch ein Endspiel und Faust ist auch der Künstler auf der leeren Bühne – im Wahn angekommen. „Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt“ – es ist eine Welt ohne Transzendenz. Und doch hat der alte Heide Goethe, dem alles Christliche suspekt war, eine große Erlösungsszene geschrieben.

Vielleicht war es der letzte Versuch, alles noch einmal zusammenzudenken. Mit Goethes Tod konstatierte Heinrich Heine das „Ende der Kunstperiode“ und den Beginn seines und unseres „prosaischen Zeitalters“: es ist der Abschied von der Vorstellung, „daß Glück und Schönheit sich dauerhaft vereint.“ (Helena im dritten Akt) – im Leben und in der Kunst, im Werk. Faust II heute spielen heißt dann auch: Arbeit an der Differenz.

 

 

4. Faust und die Deutschen

Ein Umweg über Willi Jasper: Faust und die Deutschen

 

„Die 12000 Verse von Goethes Faust belasten seit über 150 Jahren als gymnasiales Zitatentrauma und moralisches Lehrstück die deutsche Bildungs- und Ideologiegeschichte

Schelling und Hegel erklärten Faust zur „Mythologischen Hauptfigur“ und zur „absoluten philosophischen Tragödie“ unseres Volkes. Seitdem „sitzt Faust den Deutschen wie Blei auf den Schultern“.

Goethe hat die Erkenntnis formuliert, eine „Nationaldichtung“ müsse schal werden, die nicht auf dem Menschlich-Ersten ruht, „auf den Ereignissen der Völker und ihrer Hirten, wenn beide für einen Mann stehen.“ Bei ihm ist selbst der metaphysische Teufelspakt zum kumpelhaften Männerbund geraten. Das Faust-Mephisto-Verhältnis folgt der Idee der „Selbstzeugung des Mannes“, einer bewährten Abwehrstrategie gegen das Weibliche. Der Psychoanalytiker Kurt R. Eissler hat die sublimierte Triebstruktur des Autors Goethe als treibende Kraft für die titanische Leistung seiner Dramenfigur verantwortlich gemacht. Faust kann sich als überlegene maskuline Lichtgestalt des Abendlandes behaupten. Faust entwickelte sich geradezu zum Prototypen des „Gegenintellektuellen“. Mephisto hingegen, der zersetzende „Geist, der stets verneint“, störte die harmonischen Kreise des deutschen Gelehrten. Die faustische Geistigkeit wurde das deutsche Kontrastprogramm zur „französischen“ Zivilisation und zum „jüdischen“ Intellektualismus. Oswald Spengler und Ernst Jünger waren es dann vor allem, die versucht haben, das faustisch-elitäre Lebensgefühl über den deutsch-germanischen Mythenkreis hinaus auf den gesamten abendländischen Kulturkreis auszuweiten. Der autoritäre Staat und eine geistige Elite, die ihm dient, diese Tradition sollte in Deutschland Epoche machen – rechts wie links. Die Nationalsozialisten bemühten den Faust-Mythos gegen „jüdische“ Zersetzung und die Kommunisten gegen „bürgerliche“ Dekadenz.

Als der französische Philosoph André Glucksmann in den siebziger Jahren darauf hinwies, daß die Ideen der deutschen „Meisterdenker“ des 18. und 19. Jahrhunderts den totalitären Willen zur Macht legitimiert hätten, der für die Endlösungen des 20. Jahrhunderts „unabdingbar“ gewesen sei, wurde das hierzulande als unwissenschaftliche Provokation gewertet. Im Kern hatte Glucksmann versucht, jenen historischen Vorgang zu analysieren, durch den sich deutsche Texte an die Stelle von territorialer Wirklichkeit schieben, um sie zu verdrängen oder je nach Bedarf umzudeuten. In makabrer Modernität sei „Deutschland“, so Glucksmann, „kein Territorium, keine Bevölkerung, sondern ein Text und ein Verhältnis zu Texten, die lange vor Hitler aufgestellt“ und verbreitet wurden. In diesem Sinne ist auch Goethes „Faust“ ein Text makabrer Modernität.

Und heute: am Vorabend des 250. Geburtstags von Goethe geht „ein Ruck“ durch das Land. Zur Wiedereröffnung des Goethe-Museums in Frankfurt am Main sprach auch der Bundespräsident sich für einen „allgemein anerkannten Literaturkanon“ aus und unterstützt demonstrativ die Zeit-Kampagne vom Mai 1997: ‚Kein deutsches Abitur ohne Faust-Kenntnis!‘“

 

5. Metamorphosen, Verwandlungen

Stichwort: Männer. Stichwort: Künstler. Ein zweiter Umweg über die Arbeiten von Klaus Theweleit.

 

In „Männerphantasien“ (1977/78) hat Theweleit die Roman- und Memoirenliteratur von Freikorpsmännern durchforstet und ist dabei auf das männerbündische Syndrom der „Nicht-zu-Ende-Geborenen“ gestoßen: Männer, die sich die Frauen vom Leibe halten, indem sie sie entweder zu Prostituierten beziehungsweise zu „roten“ Flintenweibern erniedrigen oder zu „weißen“, aufopfernd-geschlechtslosen Krankenschwestern oder Ehefrauen erhöhen. Die Frau erscheint als das Irrational-Naturhafte, Entgrenzende und Fließende, gegen das sich die kriegerischen Männer „eindämmen“ und „panzern“, weil sie sich zugleich auch von ihrer eigenen, verdrängten Anlage bedroht fühlen. Gretchen und Helena – lassen sie sich auch in dieses Schema einordnen?

Schutz finden die deutschen Männer schließlich in den Marschkolonnen des Faschismus. Wo findet Goethes Faust seinen Schutz?

In seinem „Buch der Könige“ (1991 ff.) wendet sich Theweleit den Künstlern und Großartisten zu. Band 1: „Orpheus und Euridyke“ verfolgt die Sänger und ihre Musen, Sekretärinnen, Aufzeichnungsmedien (Monteverdi, Brecht, Benn, Rilke, Kafka,...). Der Sänger auf dem Weg in den Hades, um Euridyke dann doch zu opfern... Auch in Goethes Faust II taucht diese Motiv auf.

Bd. 2: „Orpheus am Machtpol“ ist vor allem eine „ungebetene Biographie, ein Kriminalroman, ein Fallbericht“ von Gottfried Benn, um die große Frage kreisend, „Faschist „werden“, (wie) geht das?“. Im Band 2y: „recording angels‘ mysteries“ wird diese Frage Céline, Heidegger, Presley und Warhol gestellt. Es geht auch um neue technische Medien, um den Begriff „Serie“ als Ablösung/Befreiung vom Begriff der Masse, vom Druck der Individualität.

 

Einige Fälle, Beobachtungen, Artistenverwandlungen oder zugespitzt: „‘Was ist mit mir geschehen?‘, dachte er. Es war kein Traum. Er war Nazi geworden.“

Gottfried Benn

27. Februar 1933 bilanziert Gottfried Benn: „Ich nehme sehr stark Abschied von mir und allem, aus dem wir wurden und das uns schön und lebenswert erschien.“ 1930 sah Benn eine Verwandlung: ein Volk mutiert in eine neue biohistorische Form: die WEISSE RASSE. Der totale Staat. Benn möchte Geburtshelfer dieses neuen Staates sein. 1925-29 gab es schon mal eine Verwandlung: Benn verließ die Position einsamer Künstler und wagte eine Annäherung an die Realität, er produzierte Hitverdächtiges, Songtöne, republikanische Drogenlyrics. Ab 1930 dann (im technischen Medium Radio): der neue Züchtungston (für knapp vier Jahre).

Knut Hansum:

1890: auf der Suche nach einem Wort für die Schwärze der Seele erfand Knut Hamsum das Wort Kuboaa. Es war ein Wort für die Erforschung der Seele. Freud entriß zur gleichen Zeit der Schwärze das System Unbewußt. Hansums Erfindung, seine literarisch-psychonalytische-expressionistische Erfindung – ein Tierfabel-Wortrebus steht für die Schwärze – kennt 30 Jahre später die ganze Welt als Bewußtseinsstrom / stream of consciousness.

1940: Staatsrat Hansum bestimmt neu, was die Schwärze jetzt heißt: Kollaborateur. Ein Bewußtseinsstrom für den Kreuzfahrer Hitler.

Louis-Ferdinand Céline

„Sie haben ihre Seele gewechselt, um besser zu verraten, besser zu vergessen, immer von etwas anderem zu reden...“ (Céline)

Céline wurde 1932 mit Reise ans Ende der Nacht als Revolutionär des Romans u.a. von Trotzki begrüßt, Satre z.B. begann sein Schreiben als glühender Celine-Fan. 1936 erschien Tod auf Kredit (ein erster „Faschismusverdacht“ kam auf, schreibt de Beauvoir - allerdings erst 1960). Dazwischen erschien 1933: Die Kirche, ein Theaterstück über den Völkerbund in Paris: die jüdischen Chefs des Völkerbundes kennen die Ursachen von Armut, Hunger und Seuchen, wollen sie aber nicht abstellen. Ein offen antisemitisches Stück – allerdings: wären die Juden Kapitalisten wäre es eine gute Brechtgeschichte). Es waren verarbeitungen eigener Erfahrungen: Céline war Arzt im Dienst des Völkerbundes, in Afrika, in New York, arm, aber in guten Hotels residierend. Der Kleinbürger und die Tänzerinnen, Jüdinnen in New York – eine andere Geschichte). 1945 sitzt Céline als Nazikollaborateur im Kopenhagener Polizeigefängnis - wieder und wie immer ein Artist ohne Macht. Ein neuer/alter Anschluß wird gesucht und eine neue verwandlung findet statt: „Daß jemals nur ein einziger seelenkommunistischer Roman geschrieben wurde, meiner...“ Céline an Trotzki.

 

 6. Ezra Pound

 

Eine Leitfigur für unsere Faust II-Lektüre ist Ezra Pound, eine der großen Dichterpersonen unseres Jahrhunderts und verstrickt wie nur wenige andere in Verwicklungen, die sich selbsternannte Dichterfürsten mit der Politik schaffen können.

Eva Hesse , Pound-Übersetzerin und  mehr als das, Kritikerin und Exegetin des Dichters und seines Werkes beschreibt immer wieder den einen wesentlichen Konflikt der Figur, die unseres Erachtens auch der der Goetheschen Faust-Figur ist. Sie meint, Pounds „Cantos“ seien die Auseinandersetzung des Dichters mit der Mitte des Problems der Menschen in der spätbürgerlichen Gesellschaft: dem Auseinanderklaffen der männlichen und weiblichen Komponente der Psyche in divergierende Geschlechter-Rollen. Pound beschreibe das Dilemma des männlichen Charakters in unserer Zeit :

als Angst, das Überlegenheitsgefühl des eigenen Ich zu verlieren und mit ihr die Grenze zwischen dem eigenen und dem anderen Leben, zugleich als Lockung eines Glücks, in der die Aufhebung der zivilisatorischen Versagungen und die Versöhnung mit dem Lustprinzip der Natur zu liegen scheint.

Wie überall und seit jeher werde der Frau die Rolle der NATUR zugewiesen, die so an der eigentlichen Menschheit nicht teilhabe, Umschreibung gleichzeitig für des Mannes eigene unterdrückte und ausgebeutete Natur, die seine Kultur und seinen erreichten Bewußtseinsstand allzeit gefährde. Bei Pound ist sie Deianeira, die den Lichtbringer HERAKLES/POUND umbringt, indem sie auf abergläubische irrationale Praktiken zurückgreift; aber auch REINA, Undine oder die Meergöttin Leukothea, alle die Wasserwesen, die an die Oberfläche steigen, um dem Dichter in seiner existentiellen Not beizustehen.Überdeutlich wird seine sexuelle Zweiteilung am Bild der Circe, der Göttin der Rückverwandlung in das Tier, oder an den Sirenen – Frauen in halbtierischer Gestalt, die auf der Lauer liegen, um den Männern mit ihren suggestiven Liedern von der Vergangenheit die Seele zu rauben und sie in die Prähistorie zurückzureißen. Ihnen aber widersteht Odysseus/Pound. Ihnen begegnet auch Faust auf seinem Weg in sein imaginäres Griechenland. Die Auseinandersetzung mit der Geschlechtlichkeit der dort in der KLASSISCHEN WALPURGISNACHT auftauchenden sexualisierten Halb- und Scheinwesen überläßt Goethe allerdings seinem Mephisto, der sich auch gleich dieser Welt anverwandeln muß, um in ihr und jenseits von ihr weiteragieren zu können.

Wie bei Pound, dem man eine lebenslange Auseinandersetzung mit den Gegensätzen Mann-Frau, Zivilisation-Natur, Herrschaft-Beherrschtheit ablesen kann, ist auch das Problem der Faustfigur im zweiten Teil der Tragödie die Transposition der realen Frau in eine Dichtungsgestalt. Die Helena-Figur wird zum zentralen Pol der Reise, wo sie verloren geht, wird Krieg geführt.

 

 „...wenn ich dem Präsidenten ein bißchen Vernunft einreden kann...“

 

„Daß irgendein Jude im weißen Haus amerikanische Jungs hinschicken kann, damit sie sterben für die privaten Interessen des Abschaums der englischen Erde und des noch niedereren Auswurfs der Levante...“

 

„Meine Aufgabe is, soweit ich das sehe, zu retten, was noch von Amerika übrig ist und dabei zu helfen, noch irgendwo eine Art von Zivilisation aufrechtzuerhalten. Ezra Pound spricht aus Europa für das amerikanische Erbe. F.D.Roosevelt ist unter dem biologischen Niveau, auf dem ein Begriff wie Ehre erwägbar würde...“

 

Fünf Jahre bevor Mussolini in Rom die faschistische Partei gründete, war Pound bereits dabei, einen entscheidenden autokratischen Ton anzunehmen. Sich schmerzlich seines Provinzialismus bewußt und bestürzt wegen seines Mangels an Wurzeln als amerikanisches Vorstadprodukt, eingeschüchtert durch die Londoner Kritik, begann er laut im Wald zu pfeifen und schrieb im Magazin BLAST z.B. „Hier, schmeck meinen Stiefel/Liebe ihn, leck ab die Wichse“ und setzte erste Keime seiner lebenslangen Haßkampagne: „Machen wir Schluß mit Judentum und Korruption/Laßt uns spucken auf alle, die die Juden für ihr Geld beschmeicheln.“

Politik aber war für Pound immer nur ein Haufen luftiger Abstrakta, immer nur bestimmten Strömungen in der THEORIE verschrieben – wie seine Aufsätze über die Geldwirtschaft, die er für das Magazin NEW AGE schrieb.

In seinem ABC of Economics heißt es: „Es scheint ausreichend bewiesen, daß Privileg nicht automatisch den Sinn für Verantwortung mit sich bringt... Die augenscheinliche Ausnahme scheint sich aufzutun bei der Geburt irgendeiner neuen privilegierten Klasse, was darauf hinausläuft zu sagen, daß jede neue herrschende Klasse aus außergewöhnlichen Männern bestehen muß oder jedenfalls aus Männern mit mehr Energie und darum auch mehr Eignung zum Regieren als ihre Kollegen.“

Indem er sich geistig darauf vorbereitete, sich solch einer elite zur Verfügung zu stellen, hatte Pound auch etwas über den Boss zu sagen:

„Die öffentliche Phantasie läßt den Diktator als den Mann der Stunde erscheinen, als Kraft des Willens und vom Glück bevorzugt. Das Stichwort „Intelligenz“ wäre hier interessanter. Mussolini als intelligenter Mann ist interessanter als Mussolini der Tolle Typ. Des Duce Aphorismen und Erkenntnisse lassen sich unabhängig von seinen Mitteln, sie in Handlung umzusetzen, studieren.“

Die ganzen dreißiger Jahre hindurch bombardierte Pound Persönlichkeiten in Politik und Wirtschaft mit Noten in einem großtuerischen Ton, der mehr dem pseudo-feierlichen Gerede eines intellektuellen Trunkenbolds glich. Er schrieb an Roosevelt, er schrieb an Mrs.Roosevelt, er schrieb an die Mitglieder im kabinett Roosevelt, er schrieb an Bankiers und Industrielle und inserierte, die Reform des Steuerwesens sei das einzige Mittel der Aufrechterhaltung des Friedens.Die italienische Regierung wurde mit Pound-Noten überschwemmt. Die prallen Akten des FBI enthalten allein über 50 Briefe von Pound an Mussolini, plus hunderte von Briefen an andere hohe faschistische Regierungsbeamte.

Pound mußte darum betteln, Propagandist zu werden. „Es kostete mich glaube ich, zwei Jahre Beharrlichkeit und List um an ihre Mikrophone ranzukommen...“

Im Januar 1941 bekommt Pound grünes Licht. Während dieses ersten Jahres seiner Rundfunktätigkeit erhielt er pro Ansprache zehn Dollar, monatlich waren es zehn Ansprachen. Nach Pearl Harbor wurde das Honorar leicht angehoben.

Den ganzen Krige über konnte man über Radio Rom und Radio Mailand Pound sprechen hören.

Wenige Tage nach dem Tode Mussolinis am 28.April 1945 kamen italienische kommunistische Partisanen und klopften bei Pound an die Türe. Das Schlimme an der ganzen Sache war, daß, bei aller Selbstüberschätzung, die Italiener den Dichter in Wirklichkeit nie sehr gewollt hatten, und das betraf die faschistische Seite ebenso wie ihre Gegner. Die Partisanen verhörten ihn und ließen ihn frei, weil sie ihn, um ihn festzuhalten, nicht ausreichend interessant fanden. Dann verlangte Pound, den amreikanischen Stellen überstellt zu werden. Sein Wunsch wurde ihm erfüllt.

Am Ende dieser Geschichte steht wieder eine Dichtung: die Pisaner Cantos, die Pound in einem 1 Meter mal 1 Meter großen Käfig in der italienischen Sonne schrieb um bei VERSTAND zu bleiben.

Des Hochverrats angeklagt wurde er einige Monate später in das St.Elizabeths Hospital for Insane überwiesen.

Dort blieb er bis April 1958 weiter an seinem Lebenswerk schreibend. 

Und immer wieder Golgatha-Nächte / Entscheidungsnächte: „nicht des moralischen Selbstopfers wegen ist die Schlaflosigkeit da und der Ringkampf mit dem Engel, der ist für die Zeitung oder für die Nachwelt des Seminars. In der Kreuzesposition bleiben heißt vielmehr in Machtnähe bleiben. Die Besetzung der Jesus-Position durch die Intellektuellen meint die Koexistenz mit der politischen Erlöserfigur.“ Pound ist Mann/Supermann im Sinne Marinettis und im Sinne Benns; die Arbeit des Künstlers ist für ihn Zeugungs- und Erlösungsarbeit. Konkurrent der männlichen Welterzeuger ohne Frau und der Artisten ist nur der Priester. Deshalb: „Mussolini wird (wie Hitler von Benn) umstandslos als Künstler-Priester genommen; beide gleichen den politischen Diktator funktionell sich selber an, dann verwechseln sie ihn mit sich selbst.“

 

Klaus Theweleit faßt seine Beobachtungen bei Benn, Pound und anderen Großartisten des 20. Jahrhunderts so zusammen: „Das „faschistische Projekt“ ist weiter und nach wie vor die manngemachte Welt. Nicht einfach „die künstliche“, sondern die manngemachte. An dieser Scheide scheidet sich die faschistische von der zivilisatorischen Moderne. Die zivilisatorische Moderne will eine künstliche Welt unter Einfluß und Beteiligung der Frauen, der Künste und der Technologien. Die faschistische Moderne will diese künstliche Welt als Welt, in der dies alles untergeordnet bleibt unters männlich/technische Zeugungsprinzip.“

 

Zurück zum Stichwort Metamorphosen, Verwandlungen, ein letztes Mal Theweleit: „Unovidische Metamorphosen, die angepeilte Fähigkeit zur Verwandlung von Körpern in ALLES, scheinen eine Grundstruktur des Verwandlungslebens meta-gerichteter Kleinbürgervögel (Kleinbürger deshalb, weil er seine Beschränktheit immer wieder vergißt, er kann alles verstehen. Wer alles verstehen kann, der ist beinahe daran zu glauben, er könne alles werden oder sein.) zu sein, ihr Lebenswandel;  - gleich ob der Vogel mehr artistisch fliegt, mehr politisch, oder nacheinander beides, mehr technisch á la Daedalus, am Machtpol oder am Nullpol, auf einer Pille oder Spritze, um den Sexpol oder zum Gewaltpol...eingebaut in seinen unbeschränkten Aufschwung ist im Realen das Handicap einer hohen Absturzwahrscheinlichkeit. Eine Endlos - Verpuppungsmaschine, Verlarvung, Ent-puppung, Aufschwung, Sonnenlicht, Absturz: der Kleinbürger ist nicht, er wird gerade, er ist gewesen, er scheint auf und vergeht, er fliegt, er fällt. Da er nicht wirklich ist – da er nicht wirklich ist -, ist sein Sein eins zum Schein: einen ausgewachsenen Faschisten im Moment seines SEINS werden wir kaum am Schwanz zu fassen kriegen...“

 

Es soll nicht um spekulative Aktualisierungen gehen, aber die Behauptung ist, daß man mit diesen Beobachtungen einen schärferen Blick auf die Faust-Figur bekommt. Und daß man diese Themen im faust wiederfindet (und man sich ihnen stellen muß): die Gestaltwandel der Faustfigur, die Objektwahl Helena, die Abwehr des Weiblichen, die Gefahren und Verlockungen des Unbeschränkten, des Imaginären, der Künstler als Staatenlenker, die Indienstnahme des Intellektuellen für die Macht, die Sebstzeugung des Mannes, das männlich/technisches Zeugungsprinzip, die manngemachte Welt, Fausts Golgatha-Nächte, seine Erlösungsarbeit.

Das könnte heißen: „No one was saved.“

 

 

7. Stichwörter - die Geschichte von Faust II ist schnell erzählt?.

Ein kursorischer Durchgang.

 Vorspiel

Heilschlaf nach Faust I: Faust mit „amoralischer vegetativer Regenerationsfähigkeit“ (Schöne) - Im Tau aus Lethes Flut.

Vergangene Schuld, Lebensgefühl, Allmachtphantasie, die Welt nämlich, die erwünschte selbst schaffen und erleben zu können. Dichtung als männliche Wunschform. Weltaneignung, Macht, sind Motive für die Notwendigkeit dieses Aufbruchs. Aber, mit Adorno: Hoffnung ist nicht die festgehaltene Erinnerung, sondern die Wiederkehr des Vergessenen. Von dieser erfahren wir in IV., 1.Und daß er nicht unter jener leidet. Macht der Anfang der Reise klar:

   „Entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile,

    Sein Innres reinigt von erlebtem Graus.

    Vollbringt der Elfen schönste Pflicht,

    Gebt ihn zurück dem heiligen Licht.“

 

Dies aber stellt sich dar als leere Projektionsfläche: für das Sprechen und das damit einhergehende Er/Zeugen.

Von Bildern. Die Bilder aber sind nicht Fenster, sie sind Staudämme der Geschichte.

 

Dann beginnt der „Fast Trip“ – eine Reise, ein Drogenrausch?

 

Erster Akt:

Projekt der Papiergeldschöpfung und Helenabeschwörung. Motive des Künstlichen, Fiktiven, Scheinhaften, Trügerischen. Kunstproduktion durch technische Medien.

Staatsbankrott / Mephisto als Hofnarr: Hier aber fehlt das Geld / Krise einer Gesellschaftsordnung

Mummenschanz: Allegorien des Kapitalismus: Gärtnerinnen mit künstlichen Blumen, Mütter und Töchter öffne deinen Schoß / Gespielinnen, Furien - promiskuitives Liebesleben / Knabe (= Euphorion) = Allegorie der Poesie: Bin die Verschwendung, bin die Poesie / Plutus = Faust & Geiz (Der Abgemagerte) = Mephisto : Denn dieses Metall läßt sich in alles verwandeln / Gold = Phallus: Verkehrte Welt / Käuflichkeit der Welt. Auch eine Theorie der Verausgabung.

Lustgarten / Morgensonne: Erfindung des Papiergeldes / Pfand in der Erde: In diesem Zeichen wird nun jeder selig

Finstere Galerie: Zu den Müttern („diesem beliebten deutschen Aufenthaltsort“ Benn): Das Schaudern ist der Menschheit bester Teil: Kinoerfahrung / Probe einer theatralischen Handlung /betrügerische Mystifikation / psychoanalytischer Vorgang: mit dem Übertreten des Inzestverbotes das ödipale Geflecht lösen.

Dann die Helenaerfindung. Faust verliebt sich ins Imaginäre.

                                                                 

„Von Beginn sind Epos und Pornographie Filmbestandteil, Goethe setzt diese Kopplung bereits in FAUST 2 ein. PARIS UND HELENA, der älteste Pornofilm, der sich so ausweist: Ritterssaal. Dämmernde Beleuchtung. Kaiser und Hof sind eingezogen. Posaunen.“ Schleef

Rittersaal: Theater, Laterna Magica, Helena, Pygmalion-Motiv („Faust streitet über die Qualität des Abbildes, ob es wahr oder nur Traum sei. Faust, auch jetzt vom Teufel geblendet, überschätzt sich, hier beginnt seine Blindheit...“ (Schleef). Faust produziert einen Porno und verliebt sich in die Hauptdarstellerin: Faust großartig (unter Drogen?): Wer sie erkennt, der darf sie nicht entbehren. Ende: Explosion, Tumult. „Ein Professor Unrat in Flammen“ (Schleef).

 

Zweiter Akt: Der Homunkulus Akt. Der Weg zu Helena

Gotisches Zimmer / Generationsablösung: Baccalaureus: Aus den alten Bücherkrusten / Logen sie mir was sie wußten / Was sie wußten, selbst nicht glaubten / Sich und mir das Leben raubten. & Hat einer dreißig Jahr vorüber / So ist er schon so gut wie tot.

Laboratorium / Produktion von Leben oder Kunst

Mephisto & Homunculus (in der Flasche halb erstanden)= der reine Geist? / männliches Pendant zu Helena ?

Es wird ein Mensch gemacht. Eine Männergeburt. Endlich ist die Frau nicht mehr nötig. Das hat auch Folgen: Am Ende hängen wir doch ab / Von Kreaturen die wir machten.

Die Klassische Walpurgisnacht: Ein Vorgang im Inneren des bewußtlosen Faust. Er sucht Helena im Fabelreich, sein erstes Wort: Wo ist sie? / Drogeneinnahme: Es ist ein Traum, verschwunden Tag und Ort

Drei aus dem Norden kommende Luftfahrer suchen jeder sein eigen Abenteuer: Faust: Gang in den Hades , um Helena zu befreien (Orpheus-Motiv, von Goethe nicht ausgeführt).

Mephisto: der „dumme“ überforderte Teufel. Der nordische Teufel in der vorantiken Welt. Aus dem Dreigetüm der Phorkyaden wird Mephisto/Phorkyas: „Auf dem antiken Schausplatz also erweist sich das Böse als das dem schönen Entgegengesetzte.“ (Schöne).

Homunkulus wird im Meer ganz geboren: 

auf der Erosfeier vereinigt er sich mit Proteus, einem Wasserwesen: der „kleine Tod“, das „Stirb und werde“. Eine Schöpfungsgeschichte. Ein Aktschluß, der dreieinhalb Milliarden Jahre überspringt.

 

 Dritter Akt: Eine klassisch-romantische Phantasmagorie: die Versöhnung von Antike und Moderne durch den absoluten Künstler mit Hilfe der herbeiphantasierten Frau. Helena und Faust erzeugen Euphorion. 3000 Jahre: von der antiken Tragödie bis zur barocken Oper

III/1 Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta: Helena / Chor / Phorkyas (=Mephisto): eine klassische Tragödie ohne Faust. Die Helena-Frage lautet: wie sieht er aus?. Das Böse (Mephisto, Phorkyas) begegnet dem Kunstschönen (Helena) in der Antike als das Häßliche.

                                             

III/2 Innerer Burghof: Die Schönheit von Helena ist die absolute Sittlichkeit, aber sie ist sich selbst ungewiß – die Differenz zwischen Antike und Klassik. Die Liebe erweist sich in den Reimen, die Vereinigung von Mann und Frau in der Kunst. „Da bin ich! Da!“: die reine Präsenz. Nach der Vereinigung: Omnipotenz von Faust / Imperialismus / Geeintes Europa (Benn: SS-Lyrik). Der Höhepunkt dann in orgiastischen Träumereien. Gott ist in der Unendlichkeit und die traumhafte Situation verläßt Raum und Zeit.

                                       

III/3 Arkadien: Faust im Besitz der höchsten Schönheit träumt sich in das weltvergessene Glück der arkadischen Utopie. Es ist aber ein Satyrspiel: opernhaft. Ein Singspiel. Eine Relativierung des romantischen Ideals. Die Komik des Rollenwechsels: die königliche Herrin wird zur ängstlichen Mutter, der ritterlicher Burgherr zum treuen Vater. Ihr Sohn Euphorion ist eine allegorische Figur, ein Sportsmann, Frauenheld, Freiheitskämpfer. Der Mann zieht in den Krieg & das Körperliche der Frau verschwindet: Euphorion: Krieg ist das Losungswort & Helena: Daß Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint. Die Gretchenhandlung wiederholt sich in der Helenahandlung, Faust verliert die Frau nach dem Tod des gemeinsamen Kindes. Die Lösung könnte nur eine katholische sein: das Wort ist Fleich geworden. Das war die romantische Lösung. Bei Goethe siegt am Ende Phorkyas / Mephisto. Es gibt bacchantische Tumulte

 

 

Vierter Akt: Phänomen der Herrschaft, Gärende Anarchie, Bürgerkrieg, Restauration, „Weltbürgerkrieg“. Goethes Reaktion auf die Juli-Revolution 1930.

„...während der zweite Teil Faust sofort in ein machtpolitisches Feld stellt, das ohne kriegerische Auseinandersetzungen nicht auskommt. Faust beschafft dem Kaiser nicht nur Geld, er ist auch sein Stratege. Nach der Beseitigung der feindlichen Armeen wird der Teufel Fausts Gegenspieler, dem Faust in wühlender Aufbauarbeit einen KZ-Staat abtrotzt, im Wahn, er werde jeden Menschen Frieden und Wohlsein schaffen. Krieg ist kein Nebenthema der Faust-Figur, sondern Mord und planmäßige Vernichtung bestimmen. Goethe macht Krieg mit dem Teufel, Wagner mit der Gralsarmee, Hochhuth mit dem Bürokratenheer, ihnen allen ist ein Ziel gemeinsam: Rückgewinnung, Okkupation.“ (Schleef)

„Hochgebirg“: Der Einsamkeit tiefste. Im Manne reift ein Entschluß: Mephisto macht Angebote: Ich sage Fraun; ein für allemal / Denke ich die Schönen im Plural - Faust: Mit nichten! Dieser Erdenkreis / Gewährt noch Raum zu großen Taten...Die Tat ist alles, nichts der Ruhm.

„Auf dem Vorgebirg“: Krieg. Zwischen zwei vulkanistischen Modellen, den Bürgerkriegsparteien, gewinnt mit Hilfe von Faust/Mephisto die Restauration. Das Ergebnis ist ein marodes und anachronistische Staatsgefüge.

„Des Gegenkaisers Zelt“ ist eine Beutemacherszene. Politische Restauration: das Bündnis von Thron und Altar ist weiderhergestellt-  von der Faust profitiert: er bekommt des Reiches Strand als Lehen.

Mit Eigentum und Besitz betritt Faust den kapitalismus, unsere Zeit.
Der Fast Trip ist hier zu Ende. Faust ist ans Ziel gekommen ...?

II. Slow Suicide

Fünfter Akt:

In der Rolle des Moses sieht der sterbende Faust ein paradiesisch gelobtes Land: Räume vielen Millionen. Nach Menelaos und dem Kaiser betritt Faust als Herrscher der Moderne die Bühne. Mephisto als Aufseher gemeinsam mit Haltefest/Habebald/Raufebold: Faust bleibt an das Böse gebunden.

„Offene Gegend“: Schöne: „Goethes Szene widerruft die alte Legende von Philemon und Baucis; es geht in dieser Welt nicht zu, wie es doch zugehen sollte.“.

Hütte und Palast als durchgehendes Modell: Die wenig Bäume, nicht mein eigen / Verderben mir den Welt-Besitz

  „Tiefe Nacht“: Lobgesang der Schöpfung - Bericht des Augenzeugen der Vernichtung - Lange Pause, Gesang - Mit Jahrhunderten ist es hin - Faust: nur privater Verdruß - die Polterverse der Totschläger - aus dem Dunst (der Leichenverbrennung) kommen vier graue Weiber, dringt die Sorge in Fausts Zimmer

                                                                     

„Mitternacht“ (als Endzeitangabe): Blindheit als Sorg-Losigkeit. Fausts grandioser, unerschütterlicher Selbstbehauptungswille - Der Erdenkreis ist mir genug bekannt. / Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt - beruht auf Täuschung. Allein im Innern leuchtet helles Licht

„Großer Vorhof des Palastes“: Schlußmonolog. Ironisch, szenisch gebrochenes Pathos: Ein großer Demagoge will mit Verheißungen (auf freien Grund mit freien Volke) zum Frondienst begeistern (Aber auch gleichzeitig: Selbstbehauptung gegen das Nichts / die utopische Energie des Faust ?).

Faust stirbt. Hier endet unser Fast Trip to Slow Suicide. Auf der Bühne kann man ja nicht wirklich sterben und so geht das Weltspiel vermutlich weiter. Goethe allerdings hat noch zwei Szenen geschrieben.

„Grablegung“: der Kampf zwischen höllischen Mächten und himmlischen Herrscharen ist die Gattungsparodie eines geistlichen Spiels, eine Posse, ein Schwank. Schöne: „ In diesem Satyrspiel entgeht Fausts Seelchen den Klauen des Bösen, weil ein Gemein Gelüst den Teufel überkommt: weil er schwul wird beim Anblick der Engel.“ Selbst in dieser Posse oder gerade hier, zeigt sich Goethes „liebende Wiederbringung des Bösen“.

„Bergschluchten, Wald, Fels“: die Apokatastasis panton – die Wiederbringung aller. Eine katholische Allegorisierung, ein unabhörliches Hinaufschweben und ein letztes Mal die Rettung des Mannes durch die sich aufopfernde Frau.

Zu dem Auftritt Gretchens hat Paul Celan in der Todesfuge die Differenz zu Heute notiert: „...dein goldenes Haar Margarete / dein aschenes Haar Sulamith...“

 

5.         Ein Projekt. Etwas erzählen heute mit Goethes Faust II

 

„Slow down for a fast trip on a slow ride to suicide. Gone through every fashion look in the video book. Eaten every fast food a million times. Heard every song. Seen every scene. God dies and sex is dead. No place to pierce. No body to hide. No drug to take. No word to read. No poetry to sing. It’s a slow ride to suicide.“ (Marylouise & Arthur  Kroker)

 

Die Textfassung besteht aus Goethes Versen und ist eine zugespitzte, pointierte, episodische. Es geht bei Fast Trip to Slow Suicide nicht um ein philologisch richtiges oder gar vollständiges Nachbuchstabieren von Goethes Faust. Der Tragödie zweiter Teil, sondern um eine Erzählung, die wir mit unseren (Lese-) Erfahrungen verantworten können.

Zwei alte Männer spielen noch einmal das alte und schneller gewordene Spiel der sich überholenden Welterfahrung und eines schmerzhaften Weltverlustes, begleitet von einer projezierten wie real „sorgenden“ Frauenfigur, kommentiert und konterkariert von einer in ihrer Gegenwärtigkeit präsenten Gruppe junger Menschen.

Bewegung / Faust

Vergessen werden muß die vergangene Schuld. Die Leichen, die Faust im ersten Teil zurückließ - Gretchens Mutter, ihren Bruder, ihr gemeinsames Kind und seine Liebe im Kerker - sie tauchen nicht wieder auf. Stunde Null. Der Schlaf des Vergessens produziert Ungeheuer. Aus der kleinen Welt in die große Welt: die Zahl der Opfer potenziert sich.

Wir versuchen die Heftigkeit der Bewegung, mit der diese beiden Männer in ihre virtuellen Welten aufbrechen, nachzuvollziehen. Lebensdurst und Welthunger, Verlangen nach Schönheit, dem Besitz, der Macht. Was steht am Ende all des Begehrens, mit der der Mensch die Welt geformt/umgeformt hat: immerwährender Aufbruch, unmöglicher Stillstand, unablässiges Stürzen in NEUES.

Beschleunigung der Bewegung, Mobilmachung: die Reisen dieses Faust, süchtig nach Bewegung, gehen durch Tausende von Jahren, durch ganz Europa. Eine Fahrt auch durch die Wünsche, Sehnsüchte und Obsessionen unserer Gegenwart, unseres 20. Jahrhunderts. Ein Treiben in das „Rauschen der Zeit“ und „das Rollen der Begebenheit“. Szenenwechsel, die immer neue Räume öffnen und schließen. Auch eine Reise durch das Theater, die wir durch die fahrbaren Podien, die Drehstühle und die Öffnung in den Zuschauerraum gemeinsam mit dem Publikum machen wollen, und eine Reise durch die Theatergeschichte.

Die anderen

Mephisto ist Fausts Partner, ein unbegründeter Zwangskumpan, von seiner Transzendenz erlöst, ein Spielkamerad. Auch der alte Pakt ist vergessen, vergißt sich im Spiel. Einer, der immer weiter will, weiter spielen will, vielleicht weiter, als Faust es kann. Zwei alte Männer, zwei traurige Clowns, ein Endspiel. Vielleicht schon damals.

Helena ist den beiden beigestellt, aus Gretchens Naturschönem ist das Kunstschöne geworden: eine (technische) Erfindung und eine real erlebte Projektionsfläche für Faust. Er produziert, er lehrt ihr die Sprache des Herzens - das Reimen -, er verliert sie (in einer grotesken Kleinbürgerfamilienszene). Danach ist er frei für größere Taten. Ein Großkünstler benutzt den Körper der Frau, um durch sie seine Produktion zu nähren. Sie bleibt ausgeschlossen aus Fausts Welt, das männlich/technische Zeugungsprinzip braucht keine Frau.

Aber auch die Sorge ist anwesend, eine Allegorie, die wirkliche Frau, ein Gegenüber. Sie ermöglicht am Anfang das Vergessen, sie fordert am Ende ihn auf, (nach Heidegger) „des Grundes gewahr bleiben.“

Der Chor, die Gruppe, die durch das Stück geistert, begleitet die drei „Helden“, zynisch, sarkastisch, bewundernd auch. Die Spielimpulse sind gruppenspezifisch. Diese jungen Leute sind immer da und schauen zu, betrachten, suchen nach Eingreifmöglichkeiten, machen sich vielleicht mit dem Publikum „gemein“. Chor, Masse, Serie - das Verschwinden des Einzelnen im Gemeinsamen. Das Glück in der kollektiven Arbeit im Gegensatz zur Einsamkeit der im Imaginären verzweifelt Suchenden. Das Glück liegt vielleicht im Materiellen, in der Wirklichkeit, und in der kollektiven Arbeit - im Gegensatz zur Einsamkeit der im Imaginären verzweifelt Suchenden.

Sinn / Kraftwerk

Ein SINN, ein SINN, ein Königreich für einen SINN. Wir haben alles in die Sinnproduktion gesteckt. Kraftwerk: Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn. Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn. Jetzt schalten wir das Radio an, aus dem Lautsprecher klingt es dann: Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn...

Drei Fragen

1. Kann man Licht hören? Faust erwacht. 2. Kann man Licht substantiell werden lassen? Faust/Mephisto schaffen ein Phantasma: Helena. 3 Was kann Licht im Laboratorium? Mephisto trifft auf die Gegenwart: „Hier wird ein Mensch gemacht.“ Endlich eine manngemachte Welt.

Anfangen

„Wir müssen von der Realität ausgehen, nicht vom geistesgeschichtlichen Wissen um Goethes Werk. Wenn wir sagen, daß wir Faust I und II machen wollen, so heißt das, daß wir aus einer großen Dichtung die 10 Prozent herausschneiden, die uns interessieren, die wir verstehen und die wir deshalb verantworten können. Deshalb nicht vom Stück ausgehen, sondern jeder von sich selbst und seinen Erfahrungen.“ Klaus Michael Grüber zu Beginn seiner Faustproben am 5.3.1975

 

 

„Slow media. Image the world, but understand nothing. The real can no longer keep up to the speed of the image. Today things have speeded up to inertia. Speed economy, but slow jobs. Speed images, but slow eyes. Speed finance, but slow morality. Speed sex, but slow desire. Speed globalisation, but slow communication. Speed talk, but no thought.“

(Marylouise & Arthur Kroker)