PROLOG UND ZURÜSTUNG
Peter Handke hat ein neues Theaterstück
geschrieben: "Zurüstungen
für die Unsterblichkeit“.
Er selbst nennt es ein Königsdrama.
Unter dem Eindruck des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien
ist ein
Theatertext entstanden, der nicht vergißt, daß die
Welt in
Einzelteile zerfällt, aber trotzdem versucht, noch einmal
alles zusammen zu
denken. Er ist von Claus Peymann am Burgtheater uraufgeführt
worden, in
Frankfurt, Berlin und Hamburg wird er nachgespielt werden. Wir wollen
hier das Stück vorstellen, es gegen seine
Kritiker und Verächter verteidigen und zu begründen
versuchen, warum
wir dieses Stück für die Herausforderung des
Augenblicks halten.
"Poesiealbum des vierten Reiches“ hat es
der Kritiker der "Frankfurter Allgemeinen
Zeitung“, Gerhard Stadelmaier, tituliert. Und weiter: "Es ist
nicht
unpolitisch. Es ist antipolitisch.(...) Es ist das Königreich
des Dichters
und Führers, der sagt, wohin es gehen soll.“ So
unpolitisch kann es
nicht sein, schließlich bringt es einen Kritiker ausgerechnet
der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung dazu, seine Kritik mit dem
Revolutionsruf "
Es lebe die Republik“ zu beenden. Ähnlich wie
Stadelmaier sieht Peter
Iden in der "Frankfurter Rundschau“ den politischen Fall
Handke: "Das
Königtum: Hier wird es zum pompösen Schutzbegriff
für dumpf
waberndes Gefasel, in dem die Verhältnisse, wie sie sind,
allenfalls als
sehr ferne, dunstige Erinnerung (an Machtkämpfe, Kriege,
Untergänge)
noch vorkommen.“ Trotz seines offenkundigen Widerwillens
erkennt Iden aber
zumindest die formale Herausforderung: Peter Handke hat mit beinahe
jeder neuen
Arbeit auch neue Dramaturgien entwickelt und zur Erprobung
angeboten.(...) Wie
die früheren kann auch diese jüngste Herausforderung
für die, die
sich ihr stellen anreizend, und jedenfalls für die
Überprüfung
allzu festsitzender, eingeübter Mittel der Darstellung
produktiv sein.“
Merkwürdig uneindeutig auch die Kritik von Benjamin Henrichs
in der Zeit,
schwankend zwischen Liebe und Abkehr, mehr die (ironische)
Leidensgeschichte
eines Handke-Verehrers als eine Theaterkritik (Eine einzige
Zumutung(...) eine
wirkliche Dichtung“). Auch C. Bernd Sucher in der
Süddeutschen Zeitung
hält sich lieber zurück, auch ihm ist das
Stück zugegebenermaßen
nicht geheuer, aber er verteidigt Handke wie auch Botho
Strauß und dessen
Stück Ithaka“: Nicht was sie denken, schreiben,
hoffen ist gefährlich
- denn ihre Zivilisationskritik, ihr Einspruch, diese durch feige
Übereinkünfte
domestizierte, aber keineswegs kultivierte Gesellschaft sei keineswegs
die beste
aller Möglichkeiten, ist weder vermessen noch gar ein Angriff
auf die
Demokratie.“ Und weiter: “Kunst darf sich keinen
Zwang antun. Muß
also nicht politisch korrekt sein! Kunst stellt in Frage. Genau das tut
Handke,
man mag es mögen - oder auch nicht.“
Was darf man vermuten nach diesen ersten Stimmen nach der
Uraufführung: Den Kritikern (und der liberalen
Öffentlichkeit)
ist relativ unwohl mit diesem Stück. Es scheint etwas zu
treffen,
was man
so nicht lesen, sehen möchte. Es ist die unerbittliche und
wieder
ungewohnte Frage nach einem möglichen Zusammenhang einer
Gesellschaft. Was
zugestanden wird, ist die ästhetische Herausforderung: das
darf
der Künstler,
das soll er sogar tun. Der Kritiker behauptet die Autonomie der Kunst
und
verharmlost sie als folgenlos. Peter Handke - wie Botho
Strauß -
werden
seismographische Fähigkeiten zugebilligt. Das, was diese
Seismographen aber
erahnen, das wird nicht verfolgt. Es spricht also einiges
dafür,
sich mit
Peter Handke und seinem neuen Stück zu beschäftigen.
Zunächst gilt es, Ihnen die Geschichte der
"Zurüstung“
nachzuerzählen, wir sprechen über Handkes Haltung zu
Jugoslawien, wir
beschreiben die theatralische Herausforderung auch mit einem
Rückblick auf "Die
Stunde da wir nichts voneinander wußten“, die
Hartmut
Wickert hier am Staatsschauspiel Hannover
in der Spielzeit 1993/94 inszenierte, und wir denken nach über
die
Frage nach
dem König und eines "neuen Gesetzes". Zum Abschluß
werden
wir das gesamte kommende Projekt skizzieren.
2. Ein Königsdrama nennt Peter Handke
die "Zurüstungen für die Unsterblichkeit",
und
Königsdramen kennen wir von Shakespeare. Jan Kott hat die Welt
in diesen Königsdramen
den "großen Mechanismus" genannt: ein Mechanismus, der
stärker
ist als die Subjekte, der die Kräfte, die in ihm stecken,
zermalmt, um neue
Kräfte hervorzubringen. Es geht also um Geschichte und um die
Geschichte
als eine von mächtigen Menschen gemachte und machbare. So auch
bei Handke? Schauplatz des Dramas ist eine Enklave, umgeben von Fremde,
bedroht von einem
immerwährend-latenten Kriegszustand. Mit drei in die Ferne
winkenden
letzten Königen und dem die Sonnenzeit zwischen den Kriegen
beschwörenden
Großvater hebt das Stück in shakespearscher /
alttestamentarischer
Manier an.
Die Söhne sind im Krieg gefallen, die
Töchter schwanger;
vergewaltigt die eine, heftig geliebt die andere von jeweils einem
Soldaten der
Invasionsbodentruppe, diese Väter sind jetzt verschwunden und
werden für
immer unbekannt bleiben. Als politisch-historisches Gebilde ist die
Enklave
bislang bedeutungslos gewesen, Spielball der
Großmächte, Kriegsopfer
und Kolonie. Das soll sich nun mit dem Auftrag des Großvaters
ändern.
Ein Königreich soll erspielt werden. Und ein König
soll aus einem der
beiden Enkel in den Bäuchen der Schwestern werden. Der
Enklavenidiot, die
ferne Abart eines Narren, der in jedem Königsdrama vorzukommen
hat,
beschreibt die Vergangenheit, an die es anzuknüpfen gilt so:
"Höre,
Enklavenvolk. (Er haut dem VOLK das Buch auf den Kopf, nach
Leibeskräften.)
Hier war in der Vorzeit ein Königreich. Nur sind dazu kaum
Könige
erschienen. Und wenn, so sind sie auf der Stelle gestorben. Ihre
Maulwurfskadaver wurden, so geht die Sage, an Schnüre gereiht
und an die
Grenzbäume gehängt, als Abschreckungszauber. Im Wald
dort drüben:
Der Weg mit den schwarzen Schwellen aus dem Moorholz, das ist der
Königsweg.
Und der eine glimmerglitzernde Kiesel bei der weggeschwemmten
Brücke dort,
am Grund des Bachbetts, ist eine Königsmuschel - ich bin
gestern zu ihr
hinabgetaucht. Und der Thron unserer Könige stand nicht
erhaben über
der Erde, war vielmehr in diese eingesenkt, das Gegenteil von einem
Pfauenthron
- nicht alle die Trichter im Boden hier stammen von Bomben. Die
Völker
jenseits der Grenzen bekamen ihre Könige erst weit
später als wir, und
sie setzten sie nach ganz anderen Maßstäben ein:
nach Reichtum, nach
Kraft, nach Schönheit, nach Mundwerk, und danach Vererbung.
Wir dagegen,
das erste Königsvolk, ließen den König uns
jeweils bestimmen
durch einen Traum. Und damals träumte das Volk hier noch aufs
Haar jeweils
die gleichen Träume, zur gleichen Stunde der gleichen Nacht
hat ein jeder
Enklavenbewohner den gleichen Traum geträumt, wie noch
früher, wurde
mir gesagt, sogar die ganze Weltbevölkerung. Traumweise also
fiel die Wahl
auf unsere Vorzeitkönige. Aber warum haben die sich kaum
gezeigt? Ich weiß
es nicht. Niemand weiß es. Sagst du es mir? Sagt ihr es mir?
Ich suche
ihn, den König f& uuml;r hier, und nicht erst seit
gestern. Höre,
Enklavenvolk: Keine neue Knechtschaft soll das heißen,
sondern Freiheit -
nein, etwas, für das ein Wort sich erst finden wird im Licht
dann der
Sache.“
Zwei
gegensätzliche Cousins werden in diese Welt
hineingeboren - Pablo, Held und Glückskind der Gewalt, und
Felipe, Krüppel,
Unglücksrabe und Anti-Held, Kind der Liebe. Sie sind also
aufgerufen, sich
einer Zeit zu stellen, die komplex, vielfältig und verwirrend
ist. Das
Babylonische in ihr wird zur Aufgabe, fordert zur heiteren
Durchdringung auf.
Vielfalt und Fremdheit sind nicht das Zerstörende, sondern das
Geforderte. Und so versuchen die beiden Cousins ein neues
Königreich zu errichten. Pablo macht sich wie jeder Held auf
die Reise in die Welt, Felipe bleibt zu
Hause, weigert sich, das Weite zu suchen, aus Angst. Eine
Wandererzählerin
taucht auf, der Idiot als unseliger Chronist des Enklavenvolks
läßt
sich ablösen von der jungen schönen Frau, Expertin in
den "Anfangsmomenten
damals an Wasser und Feuer, als niemand nichts sagte, und wieder nichts
sagte.
Wo ich auch durchwandere, kommen selbst die Alten, die doch, meint man
Geschichten genug mit sich herumtragen, und sagen:
‘Erzähl mir von
mir!’“
Sie
erzählt also:
Die heutige Spielart der ihrer Flügel
beraubten Einbildungskraft kann kein Feenmärchen mehr sein.
Sie ist ein
Drama. Daß es mit den Sagen und Märchen
Schluß ist, heißt
nicht, daß es bloß noch Nachspiele gibt. Meine
Quelle ist diejenige
welche. In ihr lösen sich die dicksten und schlammigsten
Blutpfropfen auf.
Aufgepaßt, Volk: Erst mit mir wirst du geboren. Ich bin da,
um dein Leben
in die Hand zu nehmen - in beide Hände - und es zu
beschwingen, für
den Notfall oder auch bloß so. Hättest du seit je
gehört auf
das, was von mir kommt, du bräuchtest keine andere Ordnung und
auch keine
ausdrücklichen Vorschriften. So aber hast du oft und oft vor
mir nicht die
Ohren gewaschen und warst immer wieder ein Drecksvolk. Taub
für deine
rechtmäßige und angestammte Herrscherin, hast du dir
dann eine jede
Fremdherrschaft verdient, solche oder solche. - Du sollst mich
anschauen, Volk,
wenn ich trotz allem noch, und vielleicht letztmalig in diesem Theater,
zu dir
spreche - oder weißt du nicht einmal mehr, was schön
ist? Daß
du so verschlossen für mich bist, das ist jetzt das Drama.
Zwar ist
Frieden, und ich bin da, in Hörweite. Nur der
Erzähler kann die
Menschen verstehen, oder Gott - aber von dem laßt uns
schweigen. Ich bin
deine neue und letzte Erzählerin, Volk.“
Felipe wird
Schreiber,
Nacherzähler und Chronist, Archivar der Erzählungen
der Erzählerin.
Er schreibt alles so auf, daß keiner mehr erkennen kann, was
da wirklich,
in Wahrheit erzählt worden ist. Die Poesie bemächtigt
sich der
Wirklichkeit und codiert sie, nimmt sie so wahr wie sonst keiner. Und
damit
alles schön paßt, wird die Erzählerin an
die Seite des
abwesenden Pablo phantasiert.
Eine
gänzlich destruktive Position nehmen
die Raumverdränger ein. Wie die Philister im Alten oder die
vier Engel aus
der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament oder die Journalisten
unseres
Zeitalters der Information erscheinen sie immer wieder an den
Rändern des
Geschehens. Angeführt werden sie vom Häuptling, einem
Halbbruder
Pablos. Das Konzept dieser Rotte ist ein vollkommen antiidealistisches:
"Das
ist meine Sendung, meine Berufung: Vorzuführen, daß
es in
Wirklichkeit schon längst keine Räume mehr gibt,
nirgends, auch nicht
hier. Raum: veraltet; das Wort ‘Raum’: veraltetes
Wort, lächerlich,
altfränkisch. Wort wie Sache endlich weg von Tisch und
Fenster. Raum, Großraum,
Raumordnung, Kleinraum: Schluß damit. Vorführen: Die
Räume hier
als Täuschung, Luftspiegelung, Fata Morgana. Als ausgereizt.
Kein Sterbensräumchen
für gleichwen mehr auf Erden, geschweige denn ein Lebensraum.
Und so der
Neuanfang, nur so, der Welt. Nur so die neue Welt, unabhängig,
frei von den
verbrauchten Räumen. Vorführen: Wie das Raumsehen und
Ausschauhalten
das ewige Erwarten und Suchen hervorbringt, welches seit je die Welt
zerstört.
Weltneuschaffen durch Entzaubern des Raums.“
Der
Häuptling erzählt
- auch er ein Erzähler! - von dem Schock, den ihm die
Konfrontation mit
diesem naturverbundenen unmöglichen Volk bereitete. So wie er
den letzten
Rest von Natur in sich losgeworden ist, so will er, daß es
mit allen sei.
"Schon damals habe ich bei dem ersten Enklavenjungen, der mir
über den
Weg lief, gewußt: Von dem möchte ich der Feind sein!
Den werde ich
bekämpfen, bis an sein Ende? Nein, ohne Ende ihn ausschalten.
Aber nicht
auf einmal, sondern nach und nach, Kampfschritt um Kampfschritt, von
außen
nach innen, bis es mit ihm aus ist - ausgeträumt, ausgespielt,
ausgeblendet, und das ohne Ende. Die Leute hier, die weit und breit als
die
einzigen erscheinen, die noch so etwas wie einen Platz haben, von ihrem
Platz
verdrängen, und zuallererst ihn, dessen siebenjährige
Abwesenheit
seinen Platz hier noch verstärkt hat.“
Pablo, der
Träumer, dem
alles gelingt, bleibt vierzehn statt sieben Jahre fort, in der Fremde.
Das Volk
ist aufgeblüht. "Die Vorbildperson in der Ferne: Meine
Blütezeit!"
Pablo kehrt zurück. Er spricht einen Hymnus auf den Raum, der
ihm diese
Enklave war: Raum immerwährenden
"Vorfrühlings“. Mit diesem
Hymnus begründet er im Gegensatz zu dem Häuptling
noch einmal die
Poesie dieser Enklave, dieses unmöglichen Reichs der Außerordentlichkeiten.
Und seine Position beschreibt er so:
"Nie mehr der Sieger sein, sondern
der Fürsorgliche - der Schöpferische für
heutzutage. Besser ein
Geduldiger als ein Held. Für mich und meine Leute hier Gesetze
schaffen,
wie es sie noch nie gegeben hat, wie sie ohne Zwang sofort einleuchten,
und wie
sie auch für überall und alle gelten können
- auch für mich
selber! Nicht findig - fündig werden! Die
Enklavenverlassenheit darf nicht
mehr unser Stammplatz sein. Warum nicht an die Macht kommen? Lust haben
auf die
Macht, entsprechend der Lust, die der Vorfrühling macht. Eine
ganz
neuartige, in der Geschichte bisher unbekannte, und dann
selbstverständlichste
Macht ausüben - etwas wie ein Freundschaftsspiel, welches
zugleich doch zählt.
Die Macht lieben auf eine Weise, wie in der Geschichte noch keiner je
seine
Macht geliebt hat, so daß dieses Wort weltweit eine andere
Bedeutung bekäme
und in einer Reihe stünde mit Straßenbahn, Bachbett,
Vorstadt,
Neuschnee, oder auch Speck, Tischtuch, Limerick, Domino, oder eben
Vorfrühling.
Es muß eine andere Gesellschaft her, nicht die entweder
beschwert-hitzige,
oder erleichtert-schlaffe von jetzt - andere Bauten, andere Formen,
andere
Bewegungen. Wer glaubt denn, heute in der richtigen Zeit zu sein -
überhaupt
in der Zeit zu sein -, außer manche Sportler und Sprinter?"
Pablo
nimmt die Wandererzählerin zur Frau, als kennte er sie schon
lange, erkennt
er in ihr all die Frauen wieder, denen er begegnet ist in der Welt.
Euphorisch
nimmt er die große Aufgabe, die ihm gestellt in Angriff. Er
verkündet: "Ab heute ist das keine Enklave mehr, sondern ein
eigenständiges
Land. Alle übrigen Länder der Erde haben uns
anerkannt, als selbständigen
Bereich, als unabhängigen Staat, als eine neue Nation unter
den inzwischen
tausend-undsieben Nationen der Welt. Wir werden das nutzen. In hundert
Jahren,
selbst sollte die Erde dann nur noch rabenschwarzes Getöse
sein, soll durch
unsre Periode hier jetzt doch überliefert werden
können, was Sonne,
Farben, Bilder, Tanz, Töne, Stimmen, Stille, Raum sind. Von
heute an werdet
ihr, gerade ihr, die seit jeher so Raumunsicheren, die ehemaligen
Enklavler mit
den nach innen verdrehten Augen, das ausstrahlen, als das Weltkindvolk
in der
Mitte der anderen Völker, die inzwischen allesamt zu Sekten
zerfallen sind,
je größer die Völker, desto
sektiererischer. Ich werde nicht
mehr von hier weggehen. Und ich werde unserem Land eine Verfassung
schaffen. Das
hier geltende Recht wird, Gesetz für Gesetz, ein neues sein.
Ohne solch ein
neues Gesetz sind Sonne, Farben, Bilder, Tanz, Töne, Stimmen,
Stille bei
dem Stand der Geschichte jetzt nur noch zufällig, ohne
Spielraum und
Grundlage. Ein Gesetz, welches das Leben nicht einschränkt,
sondern löst,
oder einschränkend es löst. Und wenn ich Leben oder
Welt sage, meine
ich etwas anderes als die Summe der heutigen Menschen! Ein Gesetz, das
einem
jeden den ihm eigenen Raum entdeckt, offenbart,
läßt. Durch es werdet
ihr, statt sporadisch ‘Wunderbar!’ einfach und
beständig sagen können:
‘Recht so. Recht.’ Wenn mir dieses neue Recht hier
glückt: Leute,
das wird einmal ein Triumph sein, der mich, anders als meine vorigen,
ganz und
gar nicht in meine ewige Schwermut stößt. Lebenslang
wird dann hier
ein einziger heller Gedanke gedacht werden, und nicht allein von mir.
Und da
seht ihr schon den Schimmer davon: Da und da, rundherum jetzt im
Vorfrühling.
Schaut.“
Der letzte
König erscheint, eine Flüchtlingin stützt
den Sterbenden, der von einem Schuß getroffen, dann von der
Raumverdrängerrotte
irgendwo verscharrt wird. Felipe und die Flüchtlingin werden
ein Paar.
Pablo beginnt mit seinen Bemühungen um die Zurüstung
für die
Unsterblichkeit. Das ist Arbeit an einem Mythos, der das hektische
"Jetzt
und Jetzt der Normalzeit" überwinden möchte.
"Unser
Ausgangspunkt und unsere Grundlage: Sehnsucht und Gerechtigkeit. Unser
Ziel für
das ganze Land: TRAUM UND ARBEIT; Arbeit und Traum. Unsere Dauer: Das
Maß!
Und unser neues Gesetz: ein freudiges. Und das, worüber es
schweigt, wird
seine Eleganz ausmachen."
Zeit vergeht, die
Enklave ist ein weites Land
geworden, die einzige halbwegs leere Stelle auf Erden, die Leute kommen
von überall
auf der Welt her, um Luft zu schöpfen, die Freiheit und
Offenheit zu atmen.
Die Enklave ist zu einem Reich geworden.
"... In einem Reich sein, heißt,
die täglichen Erscheinungen geschliffen sehen zu Kristallen."
Aber
wenn jetzt die großen Worte ins Spiel gebracht werden,
muß auch die
Gegenposition, der Zweifel, die Infragstellung her, weil das dem
Prinzip des
Phantasierens von Peter Handke zugehört. Diese Rolle spielt
das Volk mit
seinem nun aufkommenden Mißmut. Die Erzählerin
beklagt seine
Verdrossenheit, Zuversichtslosigkeit, Jämmerlichkeit. Sie
fordert Abhilfe
und die schafft ihrer Meinung nach ein Gesetz, "Gesetze, welche solche
Volksleidensgeschichten vom Amsel- bis zum Krähenfeld unter
Strafe stellen."
Und sie will Königin sein an der Seite des neuen
Königs. Sie erzählt
die Raumverdrängerrotte, die gerade zum entscheidenden
Vernichtungsschlag
gegen Pablo anheben will, weg, und als der unter der Last des Ruhms und
der
Wichtigkeit unterzugehen droht, sich ein neuer Krieg am Horizont
ankündigt,
drängt sie ihn schließlich erfolgreich dazu, seine
Aufgabe
wahrzunehmen: Ein Gesetz zu verkünden. Damit beginnt seine
Einsamkeit, das
Reich des Ruhms und des Todes? der Legende? Pablo muß gehen,
diesmal in
die Welt hinüber, er muß verkünden. Auch
diese Bewegung wird
abgebrochen, aufgelöst, zurückgebogen. Pablo kehrt
zurück. Die
mit ihm waren, berichten dann, wie wenig ihm gelungen und wie wenig
überhaupt
zu hören gewesen ist. Die ewige poetische Suche nach dem
Gesetz bleibt
unabgeschlossen. Die Worte der Wandererzählerin
beschließen das Stück
:
"Zuzeiten geht es mit dem Weltlauf nicht weiter,
weil zu vieles
verschlossen ist - zuzeiten, weil zu vieles offensteht: Für
beide Fälle
bin ich da mit meinem Weg- und Dazuerzählen(...) Eine Idee,
die einmal erzählt
worden ist, kann nicht mehr verschwinden. Sie macht sich in den
Köpfen
breit, ändert die Gefühle, ändert die
Gewohnheiten, läßt
neue Haltungen wachsen."
3. Peter Handke und Jugoslawien
Im
Sommer 1992 wird Peter Handke von der "taz“ um eine
Stellungnahme zum0
Bürgerkrieg in Jugoslawien gebeten. Seine Antwort mit dem
Titel "Noch
einmal für Jugoslawien“ ist "ein mögliches,
kleines Epos:
das von den unterschiedlichen Kopfbedeckungen der
vorübergehenden
Menschheit in den großen Städten, wie zum Beispiel
in Skopje in
Mazedonien/Jugoslawien am 10. Dezember 1987.“ Sein Epos
erzählt die
Mannigfaltigkeit des Lebens im ehemaligen Jugoslawien: die Moslemkappe
neben
Schimützen, die Baskenmütze neben Fellkappen, der Fez
neben der
Soldatenmütze mit dem Titostern undsoweiter“. Dieses
undsoweiter,
Handkes Schlußwort, hat nicht stattgefunden. Sein Text ist
eine Beschwörung,
die weiß von ihrer Vergeblichkeit. Handke weiß,
daß der Staat
und die Idee Jugoslawien nicht mehr existiert. Während die
deutsche Presse
und die deutsche Politik die Gründung der Nationalstaaten
Slowenien und
Kroatien, also das defintive Ende des Tito-Jugoslawien,
begrüßte,
trauert Handke diesem Vielvölkerstaat und Staatenbund nach.
Wem oder was
trauert Handke da nach ("auf den Knien rutschend am Hofe
Milosevic“ -
wie es die "Zeit“ nicht lassen kann zu schreiben)? Wo oder
was ist die
Enklave, der szenische Ort der "Zurüstungen“? Ganz
sicher nicht
das "liebe Serbien“, wie reflexhaft gleich mehrere Kritiker
zu
entdecken meinten. Handke verrätselt gerne und viel und
natürlich -
naturgemäß hätte Thomas Bernhard gesagt -
liegt seine poetische
Enklave im Reich der Phantasie, ist sie "ein altes Handkewunderland,
das
mal das ‘neunte Land’ heißt oder
‘Serbien’ (!), mal
‘Niemandsbucht’
oder ‘Land der wahren Empfindung’, mal
‘sonores Land’, mal
‘linkshändiges
Land’ oder wie auch immer.“ (Benjamin Henrichs)
Oder wie manchmal auch
nicht. Man könnte auch nachlesen: "Abschied des
Träumers vom
neunten Land. Erinnerung an Slowenien“ heißt ein
wichtiger Text von
Handke, den er 1991 in der "Süddeutschen Zeitung“
veröffentlichte.
Und in seiner großen Erzählung "Die
Wiederholung“ heißt
das dritte und letzte Kapitel: “Die Savanne der Freiheit und
das neunte
Land“.
Das neunte Land ist
das utopische Sehnsuchtsland, das der Erzähler
Filip Kobal auf der Suche nach seinem Bruder Gregor wandernd
durchstreift, als
Erzähler die Wiederholung erlebend als "erstmalige Erfahrung
der
Kindheit“. Slowenien ist das Land der mütterlichen
Vorfahren Handkes
und es ist sein erschriebenes Kindheitsland. Was schreibt Handke
über
Jugoslawien:
"Begeisterung dagegen, und ich habe das auf meinen
Wegen immer
wieder gesehen, herrschte und dauerte, wenigsten ein paar Jahre nach
Titos Tod,
für den Staat Jugoslawien. Und es war keine Ideologie mehr,
die das
bewirkte, kein Titoismus, kein Partisanen- oder Veteranentum. Es war
der
Enthusiasmus der Jungen, aus den verschiedenen Völkern; am
stärksten
sichtbar, wo sie, in gleichwelchem Land, miteinander
zusammentrafen....Damals
geschah es, daß ich diese slowenischen, serbischen,
kroatischen,
makedonischen, herzegownischen Studenten, Arbeiter, Sportler,
Tänzer, Sänger,
Liebhaber - ein jeder dünkte mich als das alles in einem - um
ihre Jugend
herzlich beneidete, und damals war es auch, daß Jugoslawien
mir das
wirklichste Land in Europa bedeutet.“
Nicht das
sinnvollste, schönste
oder friedlichste, nein: das wirklichste. "Zu Hause in Slowenien,
Jugoslawien? In der Wirklichkeit.“ Was meint das - wirklich?
"Wie
gegenständlich aber wurden dafür mir durch die Jahre,
jedesmal, gleich
beim wiederholten Überschreiten der Grenze, die Dinge in
Slowenien: Sie
entzogen sich nicht - wie das meiste inzwischen nicht bloß in
Deutschland,
sondern überall in der Westwelt -, sie gingen einem zur Hand.
Ein Flußübergang
ließ sich spüren als Brücke; eine
Wasseroberfläche wurde
zum See; der gehende fühlte sich immer wieder von einem
Hügelzug,
einer Häuserreihe, einem Obstgarten begleitet,...wobei das
Gemeinsame all
dieser Dinge, die gewisse herzhafte Unscheinbarkeit gewesen ist, eine
Allerwelthaftigkeit: eben das Wirkliche, welches wie wohl nichts sonst
jenes
Zuhause-Gefühl des ‘Das ist es, jetzt bin ich
endlich hier!’ ermöglicht.“
Dies Wirkliche,
dies Dinghafte hat auch mit der Sprache, mit dem Slowenischen
zu tun. In einer Rede auf den slowenischen Dichter Gustav Janus
schreibt Handke:
"Aus dem Slowenischen höre ich jedoch
noch einen Zusatz zu all dem
Schönen und Lieblichen jeder Sprache heraus. Vielleicht ist es
die Fülle
der dinglichen Wörter, das heißt der
Wörter, die zugleich die
Melodie, die Farbe, die Form, die Fruchtigkeit des jeweiligen Dinges
wiedergeben. Und es handelt sich immer um die sogenannt kleinen, die
ländlichen,
die natürlichen Dinge, auch der Menschennatur.(...) Dabei darf
nicht
verschwiegen werden, daß die slowenischen Sprache, was die
Begriffe,
Abstraktionen, amtlichen Wörter betrifft,(...) von einer
absurden Künstlichkeit
ist: die Amtswörter sind nämlich jeweils
wörtliche Entsprechungen
zum Deutschen; es hat sie in Slowenien nie gegeben; denn die Slowenen
waren
immer nur ein Volk - sie waren nur ein Volk, und nie ein
Staat.“
Was ist
die Bedingung für jenes "reine
Gegenwärtigsein“: "Geschichtslosigkeit“
heißt Handkes Antwort. Slowenien war immer
eigenständig, aber es war
nie ein Staat, es hatte nie eine (poltische) Geschichte. Handkes Bild
bestehtd
aus dem Zusammenhang der verschiedenen Eigenständigkeiten der
jugoslawischen Völker, eine Einigung, legitimiert aus dem
Kampf gegen das
faschistische Deutschland. Slowenien war für ihn nicht
Süden, nicht
Osten, nicht Balkan, sondern etwas "Märchenwirkliches", es
hatte
ein "greifbares Eigendasein". "Nie, niemals hatte das slowenische
Volk so etwas wie einen Staatentraum“ behauptet Handke, doch
dann entstand
aus dem "urslowenischen Märchen vom neunten Land“
die "Gespensterrede
von einem Mitteleuropa“, eine politische Rede, die den
Nationalstaat
Slowenien forderte, die Loslösung vom
‘großserbischen
Panzerkommunismus’, die Angliederung an den Westen. Der
regelrechte Staat ‘Republik
Slowenien’war das Ende eines Traumes, auch das Ende eines
Handke-Traumes.
Aus "sporadischen Erzählern" wurden "Sprecher", aus
Slowenen Mitteleuropäer und "statt des Austausches der Kultur"
droht der "Schwefel und Schwafel einer längst entseelten
Folklore". Die Staatengründung läßt Handke
einen slowenischen Freund so
beschreiben: "In der ganzen bisherigen Geschichte war stets nur die
Mutter
da. Unser Vater hat immer geschlafen. Innen im Berg, du weißt
schon. Ist höchstens
kurz aufgetaucht, wie ein Traumwandler, gestern hier, morgen dort, du
weißt
schon, König des neunten Landes, und gleich wieder
verschwunden. Jetzt ist
der Vater aufgewacht." Die Pointe des Erzählers ist auch die
Pointe
Peter Handkes, vielleicht auch die Pointe der "Zurüstungen":
"Aber
ob das je seiner Kinder Wunsch war?" In seinem Stück
läßt
Handke das Volk ausrufen: "Kein König! Das Gesetz und sonst
nichts.
Und vielleicht nicht einmal das Gestz! Höchstens das
Eintagskönigtum -
Heute!" Was hilft eine solche Konkretisierung, Reduzierung eines
poetischen Textes. Es relativiert zum einen die Figuren Pablo und
Erzählerin
- ihre Positionen sind mitnichten die des Autors (eine Argumentation,
mit der
fast alle Kritiker Handkes arbeiten), sie sind Teil seines offenen
Spieles. Und
sie relativiert die unpolitschen und unreflektierten Lesarten der
meisten
Kritiker: Handkes Stück ist ein klares Plädoyer gegen
die sich gründenden
Nationalstaaten, gegen einen Nationalismus, gegen eine Staatlichkeit,
die nur
behauptet, was sie im Inneren verrät:
Eigenständigkeit, Autonomie, "Wirklichkeit".
Aus einer solchen verzweifelten, weil vereinzelten Position lassen sich
auch
Handkes Provokationen seiner Reiseberichte verstehen: die Serben als
Indianer
der Gegenwart, Widerstandskämpfer im Namen der "Wirklichkeit"
gegen die Raumverdränger des Westens.
4. Das
Königsdrama "Zurüstungen
für die Unsterblichkeit"
reiht sich ein in
eine Kette von Versuchen
Handkes, das Theater je neu zu definieren, und es als Ort zu
etablieren, an dem
es möglich ist eine Einheit zwischen Zuschauern und Spiel
herzustellen, für
eine kurze Weile den Alltag zu steigern und zu
überhöhen, um ihn so
wahrnehmbarer, erfahrbarer zu machen. Der Raum, der so entstehen soll,
ist kein
anderer als der, von dem Handke immer wieder erzählt. So
heißt es in
den Reflexionen über Slowenien:
"...du warst deinem Gast nicht Osten,
nicht Süden, geschweige denn balkanesisch, bedeutest vielmehr
etwas
Drittes, oder "Neuntes", Unbennenbares, dafür aber
Märchenwirkliches,
durch dein mit jedem Schritt - Slowenien, meine Geh-Heimat - greifbares
Eigendasein, so wunderbar wirklich auch, wie ich es ja mit den Augen
erlebte,
gerade im Verband des dich umgebenden und zugleich durchdringenden -
dir
entsprechenden! - Geschichtsgebildes, des großen
Jugoslawien."
Oder ähnlich
in seiner Poetik, der "Lehre der Saint-Victoire":
" Warum sage
ich: Recht, zu schreiben? - Es kam da zu dem Augenblick unbestimmter
Liebe, ohne
den es rechtens kein Schreiben gibt. - In der Tiefe des Seitenwegs sah
ich nämlich
einen Maulbeerbaum (eigentlich nur die rötlichen
Fruchtsaftflecken im
hellen Wegstaub) in frischer, leuchtender Einheit mit dem Saftrot der
Maulbeeren
vom Sommer 1971 in Jugoslawien, wo ich mir erstmals eine
vernünftige Freude
hatte denken können; und etwas, der Anblick?, meine Augen?,
dunkelte -
wobei zugleich jede Einzelheit rund und klar erschien; dazu ein
Schweigen, mit
dem das gewöhnliche Ich rein Niemand wurde und ich, mit einem
Ruck der
Verwandlung, mehr als bloß unsichtbar: der Schriftsteller.
Ja: dieser dämmernde
Seitenweg gehörte jetzt mir und wurde nennbar. Mit den
Maulbeerenflecken im
Staub vereinte der Augenblick der Phantasie (in dem allein ich ganz und
mir
wirklich bin und die Wahrheit weiß) nicht bloß die
eigenen
Lebensbruchstücke in Unschuld, sondern eröffnete mir
auch neu meine
Verwandtschaft mit anderen, unbekannten Lehen, und wirkte so als
unbestimmte
Liebe, mit der Lust, diese, in einer treuestiftenden Form!,
weiterzugeben, als
berechtigten Vorschlag, für den Zusammenhalt meines nie
bestimmbaren,
verborgenen Volkes, als unsere gemeinsame Daseinsform: erleichternder,
erheiternder, verwegener Sollensmoment des Schreibens; bei dem ich
ruhig wurde
wie ‘bei der Idee eines Schiffs’. - Doch gleich kam
auch wieder die übliche
Qual, oder Quälerei (die freilich ein Gegenteil ist von
Verzweiflung): Aber
was ist die Form? Was hat der Unschuldige, der ich hier bin (nicht gut
fühle
ich mich, nur eben schuldlos), überhaupt zu erzählen
? Und wer ist der
Held einer solchen Erzählung? (Denn wer sonst, unbestimmbare
Leser, als der
Gegenstand eines Bildes oder der Held einer Geschichte hat euch je im
Leben
einen Vorschlag gemacht?)"
War der Raum in "Die Stunde da wir nichts
voneinander wußten" ein leerer Platz, in den sich die
Vielfalt der
Menschen, die ihn betreten und betreten haben, ihn überqueren
und auf ihm
verweilen, einschreibt, um so etwas wie ein Menschheitspanorama eines
Augenblicks und damit zugleich über alle Zeiten hinaus zu
werden, so
verwandelt sich dieser leere Platz nun in eine Enklave oder:
"Enklavenbühne"
(Szene 3), die sicher nicht weniger Theaterbühne ist wie jener
leere Platz.
Das Theater ist Handke der Ort für
Bühnenvorgänge, die nicht bloß
ästhetischen sondern anthropologischen Experimenten gleichen.
Er
konfrontiert die Menschen, Zuschauer wie Schauspieler, mit dem
Schauspiel des
Lebens selbst, und das heißt mit einer Vielfalt von
Erscheinungen, bzw.
Sprechversuchen. Weniger "Interpretieren", mit Bedeutung aufladen, als
Sehen und Hören stehen im Zentrum der Aufgabe: Dazu geht
Handke ins Extrem:
die Rollen der Schauspieler werden in "Die Stunde..." reduziert auf
winzige Auftritte, die schon durch die Tatsache der aufwendigen
Vorbereitungen
keine psychologische Fundierung vertragen. Auf Gesten, klare Umrisse
und
Zeichnung, die Betonung des Gehens z.B. kommt es in einer Situation an,
die das
Wort als Mittel zur Erklärung und Bezeichnung verweigert. Das
Theater rückbezieht
sich auf die großen aus dem Barock stammenden Versuche eines
WELTTHEATERS,
der Allegorese einer zersplitternden, fragmentarisiert und
unüberschaubar
werdenden Welt. Und daß dieser Rückbezug auch ein
Vergleichen ist,
ein Ins-Verhältnis-Setzen, ein Erkennen der eigenen Zeit im
Spiegel einer
mit ähnlichen Problemen konfrontierten Vergangenheit legt
Walter Benjamin
in seinem Trauerspielbuch dar: "Barock (ist) ein Zeitalter weniger der
eigentlichen Kunstübung als eines unablenkbaren Kunstwollens.
So steht es
immer um die sogenannten Zeiten des Verfalls. Das höchste
Wirkliche der
Kunst ist isoliertes, abgeschlossenes Werk. Zu Zeiten aber bleibt das
runde Werk
allein dem Epigonen erreichbar. Das sind die Zeiten des
‘Verfalls’ der
Künste, ihres ‘Wollens’.(...)
Immer ist diese
Gewaltsamkeit
Kennzeichen einer Produktion, in welcher ein geformter Ausdruck
wahrhaften
Gehalts kaum dem Konflikt entbundener Kräfte abzuringen ist.
In solcher
Zerrissenheit spiegelt die Gegenwart gewisse Seiten der barocken
Geistesverfassung bis in die Einzelheiten der Kunstübung."
Handke
versucht nichts weniger als das unüberschaubare Chaos der
Menschenwelt
darstellbar zu machen: Das Drama in der scheinbaren
Zusammenhanglosigkeit der
Einzelerscheinungen zu finden, dem babylonischen Chaos mit poetischer
Entdeckerfreude eine Qualität abzugewinnen. Und die zielt
letztlich auf
alles ab, bloß nicht auf Deutung, Meinung, Urteil. Die
poetische Synthesis
wird zum Mittel, das Vielfältig-Fremde außerhalb des
Betrachters in
ihm zum Zusammenhang zu bringen: die Wahrnehmung wird zum Ort der
Verbindung,
zum Knotenpunkt, zum Ort, an dem die Vielfalt zur Einheit geordnet
wird: und
diese Einheit ist die des Erkennens. Handke etabliert so das Theater
als einen
Ort privilegierter Erkenntnismöglichkeit: Das Sehen steht auf
dem Prüfstand,
indem es mit der Aufforderung verbunden wird, es als einen mit dem
Objekt sich
verbindenden Akt zu verstehen: "Was du gesehen hast, verrat es
nicht/bleib
in dem Bild.", heißt das Motto über der "Stunde da
wir
nichts voneinander wußten". Und in gleicher Weise jetzt auch
(wieder)
das Erzählen, das Reden, der bewußte Umgang mit
Sprache als einem
Mittel, sich in Verbindung zu bringen mit dem Ausgesprochenen. Diese
Auffassung
vom Theater entfernt sich davon, den Text als eine bloße
Beschreibung der
flüchtigen Außenwelt zu verstehen. Einerseits wird
er poetische
Auslegung der Wirklichkeit, subjektive Objektivierung von Gesehenem und
Erlebtem, andererseits Vorgang, paradoxer Versuch, das Erratische des
Verkündens,
Prophezeiens, Verheißens mit der Banalität der
Unabgeschlossenheit
des alltäglichen Sprechvorgangs in Einklang zu bringen. Daraus
entstehen
Spannungen, die dem Zuschauer einen eminent großen Raum zur
Verfügung
stellen, mitzuformulieren, weiterzuphantasieren oder - zu
flüchten.
Handke
setzt eine Art teilnahmsloser, interesseloser Beobachtung voraus, um
eine
gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit zu erarbeiten: er
läßt in all
den alltäglichen Figurationen der Menschen, die vor dem Auge
des
Betrachters erscheinen (immer noch ist von "Der Stunde, da wir nichts
voneinander wußten" die Rede und damit auch
grundsätzlich von
dem poetologischen Verfahren des Autors), ein Defilee, einen
Zusammenhang
entstehen, der Visionen, Halluzinationen, Projektionen möglich
macht, die
wiederum die Wirklichkeit in quasi-mystische Dimensionen
hineinsteigern. Es soll
eine Verbundenheit von Allem mit Allem, von Jedem mit Allem entstehen,
eine Art
poetisches Gedächtnis/ Erinnerungsvermögen der langen
Geschichte der
Menschheit, des langen Wegs der Menschheitsgeschichte. Es entstehen
Geschichten, die der Betrachter erfindet, es erscheinen mythologische
Figuren,
die ihre Wirklichkeit aus dem Eingedenken, dem
Assoziationsvermögen des
Betrachters erhalten, und schließlich Beziehungen zwischen
den Fragmenten.
Das ewige Werden und Vergehen von Gestalten steigert sich zu einer
verklärten
Gemeinschaft von Gläubigen, die an einem späten Punkt
des Textes die Bühne
besetzen, belagern, die Bewegungen in ein Innehalten verwandeln und in
einen
Zustand gemeinschaftlich gläubigen Wartens versinken. Allerlei
Töne,
Hinweise, Reize, Zeichen (eine "Naturkatastrophe": die "Sintflut"):
-
"..ein Sturm brach los, hoch über dem
Platz, ein Donnern und
Knattern, ohne daß sich an denen unten die Haare
rühren. Rings um die
Szene ging dann ein vielfältiges Klagegeschrei, hier von einem
Kind, dort
von einem Elefanten, dort von einem Schwein, einem Hund, einem Nashorn,
einem
Stier, einem Esel, einem Wal, einem Saurier, einer Katze, einem Igel,
einer
Schildkröte, einem Regenwurm, einem Tiger, dem Leviathan."
- fordern
schließlich das Wunder: das entdeckt sich als das
plötzliche
Aufstehen des Wanderers, einer mehr und mehr identifizierbar gewordenen
Gestalt,
und seiner Anmaßung, dem Zusammensein einen gesteigerten
Ausdruck zu
verleihen. Er erhebt sich priestergleich und hebt an zu sprechen. Vor
dem Form
gewordenen Ausdruck, dem Laut aber, dem Beginn dessen, was das ewige
Verfehlen
der Menschen einleitet, nämlich dem endlosen,
unauflöslichen
Verfallensein an die Metaphysik der Präsenz, des Sinns und der
Bedeutung, hält
der Autor inne, es bleibt bei dem Impuls, dem Ansatz, den die Gemeinde
nun in
individuell unterschiedlicher Weise ausdeutet, um wiederum
auseinanderzufallen.
Die Erfahrung, die gemacht wurde, die des intentionslosen
Beisammenseins in
Erwartung, wird an die Stelle der Heilsverkündung gesetzt, und
unter dieser
Prämisse wird nun das Spiel fortgesetzt, noch freudiger und
lustvoller,
schließlich umfassender, gesellen sich jetzt auch noch
Zuschauer aus dem
Publikum mit unter die Spielenden. Im "Spiel vom Fragen" findet sich
eine Poetologie des Schauspielers, damit auch des Theaters und seiner
Wirkungsmöglichkeiten:
"...zu dem, von dem jeder im Publikum sagen kann
‘Mein Schauspieler’
werde nur, wer, was er seit der frühesten Kindheit in einem
unsichtbaren
Licht vorgehen spürte, im sichtbaren Licht verfeinert
wiederholte - als die
DURCHLÄSSIGKEIT in Person - , so daß am Ende nicht
er, sondern die
Leute als Schauspieler nachhause gehen, und zwar als von ihrem
Schauspielertum überzeugte,
weil sie durch ihn, den Durchlässe-Schaffenden, erst begriffen
haben, daß
auch sie dies immer wieder verkörpern und nur in jenen
Schauspielermomenten
sich selbst wie ihre Nächsten als die Helden und die Einsamen
erfahren,
welche wir, unsere Mutter, unser Vater, unser Bruder, unsere Nachbarn
in
Wahrheit ja sind." ("Das Spiel vom Fragen").
Von den Anfängen
seiner Theaterarbeit an formuliert Handke den BEGRIFF DER ROLLE um.
Sprecher
oder Spieler sind gefragt und nicht Darsteller, die sich hinter der
Maske der
Rolle und der Handlung den Raum für die Virtuosität
und Überzeugungskraft
schaffen, andere Leben zu kopieren. SPRECHEN ist von anfang an
zentrales Thema.
Die Sprache als das Darstellungsmittel des Menschen, in dem sich seine
Wahrheit
enthüllt, in dem er sichtbar wird, das Sprechen als ein Akt
der Annäherung
und Verbindung mit der Wirklichkeit, die Sprache als der Ort, von dem
aus sich
die Menschen zurückbewegen können in jenen
mythologischen Raum der
Ungetrenntheit, für das das ALTE TESTAMENT die Bezeichnung
Paradies bereithält,
jenseits von Gut und Böse, das sind die großen
Aufgaben, die Handke
sich und den Schauspielern seiner Stücke stellt. Sprechen als
ewige Annäherung
an die Wahrheit, die sich seit dem Sündenfall verbirgt, also
könnte
das Thema Handkes heißen. Und die Schauspieler sind so etwas
wie die
offenen Gefäße, Instrumente durch die dies Sprechen
vernehmlich wird.
Die frühen Stücke Handkes
heißen SPRECHSTÜCKE, die Rollen
heißen SPRECHER (in "Publikumsbeschimpfung", "Weissagung",
"Hilferufe"). Und auch in den Stücken, in denen nicht
gesprochen
wird ("Das Mündel will Vormund sein", "Die Stunde...")
geht es um das Sprechen. Um das, was zum Sprechen drängt, was
vor dem Wort
und den vielen unterschiedlichen Möglichkeiten des
Wortergreifens liegt.
Die Darstellbarkeit des Sprechens ist unendlich vielfältig,
das Sprechen
stellt sich als das unendliche Feld, Wahrnehmung zu
ermöglichen oder zu
verstellen, dar. Darstellung der Sprache im Vorgang des Sprechens, das
sich
darstellt als unabgeschlossene Bewegung um einen Begriff herum, der in
seiner
Unbedachtheit so infragegestellt wird. Auch das wird zur Aufageb des
Schauspielers, die Worte, die vom Alltag, vom Mißbrauch
abgenutzt und
bedeutungslos geworden sind, verblaßt, wieder aufleuchten zu
lassen, mit
Bedeutung anzufüllen, hörbar zu machen im Rauschen
des Geschwätzes,
wie Kierkegaard die Sprache nach dem Sündenfall nennt.
5. Warten auf den König Peter Handke
(& Botho Strauß) und das neue Gesetz.-
1990 schrieb Jan Philipp Reemstma in der Zeitschrift
„konkret“ -
angesichts des Zusammenbruchs der Sowjetunion und angesichts des
jugoslawischen
Bürgerkriegs:
„ Es mag der Blick auf die
Weltgeschichte dem ähnlich
werden, den man durch die Seiten eines Geschichtsbuch auf die Kriegs-
und Verwüstungszüge
des Dreißigjährigen Krieges tut: man möchte
schreien, daß
sie nur ein Ende mit dem machen sollen, was sie da tun, egal
‘wer gewinnt’“
.
Es ist die verzweifelte Suche nach dem Souverän, der - nach
Carl Schmitts
berühmt-berüchtigter Definition - den Ausnahmezustand
beenden oder
eben bestimmen kann. Der Ausnahmezustand scheint zur Regel geworden zu
sein, der
Blick auf unsere Zivilgesellschaft ähnelt dem Blick auf die
Weltgeschichte,
ja in Handkes „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ tobt
der Bürgerkrieg
bereits im wiedervereinigten Deutschland, während der
Erzähler in
seiner Enklave des Pariser Vorortes ruhig seinen Geschäften
nachgeht.
Irgendetwas, irgendjemand fehlt, eine empfundene oder reale
Lücke zu schließen.
„Der Ideenhimmel ist verbraucht. Es gibt
nur noch Märkte, und dadurch
geschieht eine ungeheure Leere. Die Frage ist, ob die Menschen das
aushalten.“
Ein Satz von Heiner Müller und eine
Frage, die im Gedächtnis bleiben
wird. Der Kapitalismus ist weltweit ohne Alternative, es gibt kein
Versprechen
auf Zukunft mehr. Die Welt ist endgültig eine immanente,
geschlossene
geworden. Die Wirklichkeit ist zur Oberfläche reduziert, die
in ihrer
Eindeutigkeit vielleicht nichts mehr zu verbergen hat. Noch immer wird
versucht,
sie ideologiekritisch zu hinterfragen, wird sich versucht an der Arbeit
der
Dekonstruktion. Andere schlagen anderes vor. Sie blicken
zurück in die
Antike oder nach vorn in ein ungefähres Neue.
Zwei Personen, zwei
Literaten/Poeten stehen für diese Abkehr von
Zivilisationskritik, für
dieses Verlassen von sicheren Übereinkünften: Botho
Strauß und
Peter Handke. Beide haben sie die Arbeit an der Dekonstruktion
aufgegeben, beide
behaupten sie die Konstruktion von etwas Neuem. Beider Ton ist ein
hoher und ein
ungewöhnlicher - er ist noch unerhört und er ist
scheinbar
siegessicher. Während Botho Strauß in
„Ithaka. Schauspiel nach
den Heimkehr-Gesängen der Odyssee“ hinter der Maske
Homers Odysseus
zurückkommen läßt, um unter den prassenden
Freiern Penelopes
gewaltsam eine alte/neue Ordnung herzustellen, verlangt Peter Handke
gar nach
einem König und hebt an zur Verkündigung eines neuen
„Gesetz der
allgemeinen Besänftigung, das, was die Natur nicht
kann.“ Beides ist
vielen (unter uns) suspekt und wie gleichgeschaltet hat die
aufgeklärte,
linksliberale Öffentlichkeit reagiert: irrational, antimodern
und
antidemokratisch waren nur die harmlosesten Vorwürfe. Also
zwei Königssucher
(&-kinder) unter dem Verdacht der Reaktion. Die Frage ist
natürlich, ob
dem so ist und zum zweiten, ob es da zwischen den beiden nicht
Unterschiede
gibt, die vielleicht nicht unwichtig, vielleicht aber auch ums Ganze
gehen. Im
Fall Botho Strauß ist die Frage auf den ersten Blick am
einfachsten zu
beantworten. Thomas Assheuers Lesart in der Zeit („Die
Ornamente der
Ordnung. Antimoderne und politischer Mythos im Königsdrama:
Botho Strauß
und Peter Handke suchen den Souverän.“ Die Zeit vom
28.2.97) ist in
seiner Analogieunterstellung eindeutig und vermutlich richtig:
„Bei Strauß
aber ist die Wunschinsel eine Kolonie der Moderne; belagert von Cola
trinkenden
Maulhelden, geschwätzigen Händlern und leichenblassen
Liberalen. Sie üben
Willkürschaft über die Dinge und vergreifen sich an
der Sprache. Unter
der Fremdherrschaft der Modernen ist kein Glück, nur Gier,
Langeweile und
Frevel.“ Liest man „Ithaka“ auf der Folie
der letzten Äußerungen
von Botho Strauß zur Bundesrepublik, liest man es auf
Verdachtsmomente
hin, findet man auch die Analyse von Richard Herzinger in
„Theater Heute“
(8/1996) bestätigt: Propagierung von „politischer
Romantik, königlicher
Restauration und zeitloser Ordnung.“ Strauß
unschuldiges Vorwort („Dies
ist eine Übersetzung von Lektüre in Schauspiel. Nicht
mehr als höbe
jemand den Kopf aus dem Buch des Homer und erblicke vor sich auf einer
Bühne
das lange Finale von Ithaka, wie er sich’s
vorstellt.“) kann da natürlich
nur ein ironischer Schutz des Autors des
„Bocksgesangs“ sein. Dem ist
aber nicht unwichtiges hinzuzufügen.
Die Ideologiekritik
läuft nämlich
in diesem Fall ins Leere: enttarnt wird, was offen ausgesprochenes
Programm ist.
Botho Strauß muß nicht mühselig entlarvt
werden als politischer
Romantiker und Vertreter einer konservativen Kulturkritik: er hat sich
selber
dort verortet mit der einverstandenen Publizierung des
„Bocksgesangs“
im Sammelband „Die selbstbewußte Nation“:
ein offener
Rechtsdiskurs mit Berufung auf Carl Schmitt und Ernst Jünger.
Es müßten
sich aber andere Fragen stellen - jenseits einer „erregten
Aufklärung“
-, um diesem Autor gerecht zu werden. Und das sind zuerst und vor allem
Fragen
nach einer genauen Lektüre, oder ganz einfach die Frage, ob
die Kritik das
Stück auch bis an sein Ende gelesen hat. Assheuer schreibt:
„Odysseus
entrinnt nicht dem Mythos, sondern setzt ihn als politischen wieder ins
Recht.
Seine Tat ist Wiederherstellung; er restauriert eine neuheidnisch
ausgemalte
Naturordnung aus Macht und Sprache; ein rechtsetzender
Souverän ordnet die
Worte für eine neue Lesbarkeit der Welt.“ Genau das
aber tut Odysseus
nicht. Seine Gewalttat, seine Brutalität ist keine richtende
im Sinne
Walter Benjamins ( die das Stück „Ithaka“
als eine solche „feiert“,
wie Assheuer meint) - also eine das neu Recht setzende, die Permanenz
des
Gewaltzusammenhangs aufhebende - , sondern sein Gewaltakt
beschwört nur
einen neuen Gewaltzustand ohne jede Ordnung: den totalen
Bürgerkrieg. Die
toten Freier wollen gerächt werden und Odysseus droht zusammen
mit seinem
Vater und seinem Sohn von diesen niedergemetzelt zu werden. Hier hilft
kein
einzelner mehr, hier hilft nur göttlicher Ratschluß.
Zeus selbst,
durch den Mund der Athene, beendet das Stück und
verkündet das neue
Gesetz des Friedens. „Wir aber verfügen, was recht
ist: aus dem Gedächtnis
des Volkes wird Mord und Verbrechen des Königs getilgt.
Herrscher und
Untertan lieben einander wie früher. Daraus erwachsen
Wohlstand und Fülle
des Friedens den Menschen. Aus göttlichen Spruch entstand der
Vertrag.“ Ein ziemlich merkwürdiger
Schluß: die Lösung ist eine göttliche,
die scheinbar propagierte Tat des Odysseus wird als Mord und Verbrechen
bezeichnet und - und das ist entscheidend -: das Gedächtnis
des Volkes
(also: Literatur) muß getilgt werden, damit ein politischer
Frieden möglich
ist.
Der politische Fall
Botho Strauß ist vielleicht doch komplizierter
als manche sich wünschen und mit einfachen Identifizierungen
von Figur und
Autor ist ihm nicht beizukommen. Ganz andere Fragen an den Text hat
Karl-Heinz
Bohrer im Dezember-Heft des „Merkur“ gestellt. Es
geht ihm um das
homersche Phantasma der Grausamkeit und des Todes. Die
Brutalität des
Odysseus, also das von Homer nackt und lakonisch erzählte, von
ihm in der
Tat gefeierte (und nicht mit Sinn aufgeladene) Abschlachten der Freier,
ist für
Bohrer Beleg einer Ästhetik des erhabenen Grauens. Der
Schrecken der Tragödie
ist bei Homer - so Bohrers Behauptung in der Tradition Nietzsches -
kein
reinigender, sondern ein Tonicum. Also ein Stärkungsmittel.
Oder anders und
einfacher: durch die Homersche Grausamkeit des reinen Augenblicks -
fortgeführt
beispielsweise durch die Grausamkeiten des Surrealismus (das
zerschnittene Auge
bei Bunuel) - erkennen wir, gestärkt, unsere eigene Existenz:
„daß
nämlich das lakonische Addieren von körperlichen
Details ohne Zukunft
der Condition humaine näher kommt als alle späteren
Spiritualisierung.“
Und genau dieser Frage stellt Strauß sich nicht. Nach Bohrer
hindert die „kognitive
Empfindsamkeit des Achtundsechziger“ Strauß daran,
einer Existenz ins
Auge zu blicken, die keinen Trost bereit stellt - einer
„nihilistischen
Existenz“ ohne die Sinnangebote von Religion,
Geschichtsphilosophie oder
kommunikativer Gesellschaft. Strauß löst die
einzelnen Momente des
Schreckens in episierende Sinnzusammenhänge auf, er ironisiert
und entschärft
die Homersche Vorlage („Das Schießen auf
Männer ist hier
verboten.“) und benutzt den Sprachgestus der Bundesrepublik
(„manchmal“
sei man „trotzdem allein“). Bohrers Behauptung
allerdings, daß
Strauß mit „Ithaka“ keine aktuelle
Thematik erkennbar macht oder
machen will, er sich nur für den Mythos interessiert und an
eben dem künstlerisch
scheitert, läßt sich nur aus Bohrers Polemik gegen
die
harmlos-politische Mentalität der westdeutschen
Ideologiekritik erklären.
Eher ist es doch so, daß der ablesbare Wunsch, mit Hilfe der
Odyssee etwas
über die Bundesrepublik und den Westen zu erzählen
(„Abschweifungen,
Nebengedanken, Assoziationen, die die Lektüre begleiten,
werden dabei zu
Bestandteilen der Dramaturgie.“), Strauß daran
hindert, sich dem
Skandal des Schreckens zu stellen, illusionslos auf die
Tröstungen eines
wie auch immer formulierten Ordnungskonzeptes zu verzichten.
Wäre „Ithaka“
im Sinne Bohrers das, was es vorgibt: Kunst im autonomen Anspruch,
Einspruch
gegen die Wirklichkeit und nicht Kommentar, wäre die ganze
Aufregung um
links und rechts unnötig: „Kunst ist Macht. Nicht
Linksmacht. Nicht
Rechtsmacht. Sie ist Ausgleichsmacht gegen diese.“, schreibt
Klaus
Theweleit in seinem „Buch der Könige“,
seinem großen
Versuch, den Königen, Königssuchern und
Königskindern auf die Fährte
zu kommen. Zusammengefaßt: Botho Strauß
führt einen -
zugegebenermaßen und empört zu Kenntnis genommen -
politischen
Rechtsdiskurs, aber er propagiert keine autoritären, gewaltsam
durchzusetzende Politikmodelle. Sein durchgespielter Vorschlag wird vom
Text
selbst kontrastiert, und - und das erscheint mir wichtiger - er ist was
er früher
in seinen literarischen Beobachtungen nicht war: ein
Großartist, ein Großschriftsteller
(fast ein Antipode zu Günther Grass), der in der
Instrumentalisierung der
Odyssee behauptet, der Gesellschaft einen Sinn aufladen zu
können. Wortsinn statt Wortsound. „Viel
Könige schmeißen mit ihren
Kronen durch die Gegend, Was ist denn an einer Krone so
heilig?“ sang
einmal Bob Dylan und auch bei Handke findet das Volk die Krone irgendwo
in der
Gegend „dort hinten in der Ackerfurche. Ich hab sie zuerst
für einen
Erdapfel gehalten.“
Natürlich
schreibt Peter Handke im hohen Ton, über
den man sich relativ einfach und schmerzfrei belustigen kann. Aber
anders als
Strauß hat Peter Handke immer auch über Dinge und
Menschen
geschrieben, die Botho Strauß vermutlich nicht oder nicht
mehr kennt: es
sind Sänger wie Van Morrison oder eben Bob Dylan, es ist die
Musik von
Creedence Clearwater Revival, es ist die Juke-Box, es sind die Western
von John
Ford und die Filme von Wim Wenders, die sein Schreiben begleiten. Was
seine Bücher
auszeichnet von Beginn an: sie lassen Zeitgefühle
rekonstruieren. Eine
Eigenschaft, die sie weniger mit anderer Literatur teilen als mit
Popmusik.
Durch Handke strömen Stimmen, Gefühle, Musiken und
Bilder einer
jeweiligen Zeit und einer bestimmten Generation, er ist
durchlässig für
den Leser und die Zeit. Oder in Klaus Theweleits Terminologie: die
Sirenen übertönen
Orpheus, den einsamen Mann, Künstler und
Großschriftsteller. In
Christoph Bertrams Rückblick auf Handkes Journal aus den
Siebzigern „Das
Gewicht der Welt“ findet sich folgende Beobachtung:
„Das Leiden am
Gewicht der Welt ist ein Symptom unglücklicher
Körper, vor allem Männerkörper.
Die Männer in Filmen und Büchern der siebziger Jahre
sind vergrübelt,
schwerfällig und ungeschickt. Diese Männer verstehen
sich nicht zu
bewegen. Sie mißtrauen der Leichtigkeit des Seins und
sprechen vorwiegend
in Monologen.“ Ein solcher Mann begegnet uns zwanzig Jahre
später: er
ist nicht mehr der Held der Geschichte - sondern sein Gegenheld Felipe.
Schon in
der „Niemandsbucht“ war es der Erzähler,
der den König, den
Bruder ankündigte, „meinen erfolgreichen Bruder,
meinen Fast-Zwilling,
den stillen König unserer Familie, und den Verlierer noch und
noch (von ihm
werde ich zu gegebener Zeit vielleicht mein erstes Drama schreiben, mit
dem
Titel „Zurüstungen für die
Unsterblichkeit“, eine Tragödie?)“
Zurück zu dem Stück: Jetzt also kein ungeschickter
Mann mehr im
Zentrum, sondern ein König und das Verlangen nach einem Gesetz
des
Zusammenlebens. Wer aber verkündet das Gesetz eigentlich (die
Frage nach
dem Souverän) und was verkündet es überhaupt
(die Frage nach der
Ordnung). Die zweite Frage zuerst: „Hier der erste Satz der
neuen
Verfassung, oder unseres alten Mitternachtsblues: Seid eingedenk,
daß ihr
einst in der Knechtschaft wart - bedenkt vor jeder Fremden die eigene
Fremde
mit!“ Die Erzählerin fügt hinzu:
„Und meine Fußnote
dazu: Stellt euch, was ihr tut oder laßt, als
Erzählung vor. Ist das
möglich? Ja. Also ist es recht. Ist es unmöglich?
Also ist es unrecht.“ Und Pablo führt weiter aus:
„Und die neuen Menschenrechte: Das Recht
auf die Ferne, täglich. Das Recht des Raumsehens,
täglich. Das Recht
auf Nachtwind im Gesicht, täglich. Und ein neues
Grundsatzverbot: Das
Verbot der Sorge. Und des Gesetzes Leitgedanke: Erübrigung,
endgültige,
jedweder Botschaft und Verkündigung. Gesetz aus Begehren und
Besonnenheit!“
Mehr erfährt man von Pablo nicht, denn die eigentliche
Verkündigung
geschieht im Bühnen-Off, den Zuschauern wird sie vorenthalten.
Nur der
Bruder Felipe hat es aufgeschrieben, „mitgedacht,
nachbuchstabiert,
abgeleitet.“ Die Abschaffung der Todesstrafe ist das erste
-„ein Land
in dem die Todesstrafe herrscht, hat aufgehört ein freies Land
zu sein; es
sind höchstens noch vereinigte Staaten.“- , und
schon verliert sich
Felipe in einer Erzählung, Aufzählung eigener
Beobachtungen,
Erinnerungen und Sehnsüchte: „Die frostfreien
Hände meiner
Mutter. Der Osternachtsumhang des Großvaters. Die auftauenden
Weidenbäche.
Das Kriechen der sterbenden Schlange unter dem Novembersternenhimmel.
Die
Spiegelbilder der Fledermäuse bei Sommervollmond in den
Dorftümpeln.
Die zerfetzten Kadaver der Mütterbrüder im
Dünengrab und unter
den Tundrasteinen. Das Nimmerwiederkehren meines Vaters. Das
Nichtssonst meines
Vaters. Das verdammte Grün der Heimat.“ Eine Sprache
weit weg von
jeder Gesetzessprache. Nun kann man das eine - Achtung vor dem Fremden,
Verdammung der Todesstrafe - als selbstverständlich betrachten
und das
andere - Recht auf Nachtwind zum Beispiel- für
lächerlich befinden.
Man wird aber auch sagen müssen, daß das so
Selbstverständliche
alles andere als selbstverständlich ist und
uneingelöst - uneingelöst
wie die Versprechen eines anderen großen
Märchenspiels der deutschen
Literatur, des „Nathan“ von Lessing, und man wird
sehen müssen,
daß es Handke sehr ernst ist mit dem Nachtwind als
notwendiges Korrektiv
gegen jede Politik und Ideologie. Über das, was also
„verkündet“
wird, läßt sich kaum streiten - vielleicht ist es
doch das „Verkünden“
an sich, was befremdet. Wer spricht also? Vielleicht auch: wer
kommentiert, wer
konterkariert? „VOLK: Unsterbliches ist ihm nicht gelungen.
IDIOT: Gelobt
sei Gott“ Und weiter: „VOLK: Wo bleibt der
König des Tags?“ IDIOT: Wie üblich haben
wir ihn vergessen. VOLK: Ich mache mir Sorgen um
ihn, wie jedesmal, wenn er um eine Stufe weiterkommt. Und war das heute
nicht
seine letzte Stufe? Kein Königwerden ohne Menschenopfer.
IDIOT: Wer wird
das Opfer sein? Er selber? Wir? Wir alle zusammen? Ich habe Angst vor
ihm.“
Und Pablo, zurückkommend aus seiner Einsamkeit, dem
Verkünden des
Gesetzes, sein eigenes Scheitern begreifend, sagt: „Einer
wird es einmal
schaffen. Das haben schon viele gesagt? Umso besser.“ Pablo
hat es nicht
geschafft und er ist froh darum, Volk und Idiot sind froh drum, und
Felipe und
die Flüchtlingin erzählen sich ihre eigenen
Geschichten des fröhlichen
Mißlingens. Auch hier wie bei Botho Srauß ein Ende,
das die
gestellte Aufgabe: ein neues Gesetz zu schaffen, scheinbar dementiert.
Wirkliche
Könige fordern Menschenopfer, die Gesetze der
Realität bringen Unheil.
Politik und Geschichte sind Zwangszusammenhänge. Wie in seinen
Jugoslawien-Texten bestreitet Handke dem Enklaven-Volk eine
Staatlichkeit, eine
Geschichtsmächtigkeit. Gegen das Unheil der Geschichte
behauptet und
probiert Peter Handke den „Exorzismus der einen Geschichte
durch eine
andere“. Die eine Geschichte ist die unsere, die reale - der
Faschismus in
der Vergangenheit, der Bürgerkrieg in der Gegenwart -, die
andere ist die
Kunst, die Erzählung, das genaue Beobachten, die Phantasie,
die
Wahrnehmung. Die Aufmerksamkeit für das Kleine ist Widerstand
gegen das Große.
1989 übernachtete Handke zufällig im „Hotel
Terminus“ in
Lyon: „...jetzt erst kam dem Betrachter zu
Bewußtsein, daß das
„Hotel Terminus“, in dem er die Nacht zugebracht
hatte, im Krieg das
Folterhaus des Klaus Barbie gewesen war.“ Handkes Reaktion
ist keine
politisch-moralische, sondern das genaue Beobachten und Beschreiben:
„...und
ins ganz offene Zimmer des „Hotel Terminus“ blies
der
Sommersonntagswind, und endlich beging dann wieder ein
Kurzärmliger, im
Schaukelgang, mit schwarzer Aktentasche auf der Höhe der Knie,
den
Eisenbahnweg, seines Zieles gewiß - so schwang auch sein
freier Arm aus,
und auf der Schiene landete ein kleiner blauer Falter, blinkend in der
Sonne,
und drehte sich im Halbkreis, wie bewegt von der Hitze, und die Kinder
von Izieu
schrien zum Himmel, fast ein halbes Jahrhundert nach ihrem Abtransport,
jetzt
erst recht.“ Auch in den
„Zurüstungen“ taucht ein Falter
auf, wird er zumindest erwartet: „PABLO: Und welch ein Licht
jetzt. Vorfrühlingslicht.
Zitronenfalterlicht. Gleich wird so ein Gelber oder, wie
heißt es im
Volksmund?, ‘lieber Kömmling’ aufkreuzen,
und das wird heißen:
Ein für allemal Friede, menschliche Unsterblichkeit. Los zeig
dich, Falter,
groß wie ein Drachen. FELIPE: Kannst auch kleinwinzig sein.
FLÜCHTLINGIN:
Lös dich von deinem Blatt oder deiner Knospe. VOLK und IDIOT
gemeinsam:
Steig auf vom Staub. Schauckle. Gauckle. Gelbe Mutterfarbe. Dann fast
ALLE: Ich
rühr mich nicht vom Fleck, ehe du nicht dein Zeichen gibst.
Laß dich
anschaun.“ Hier, genau hier, ist das Gesetz zu lesen, das
Peter Handke seit
über zwanzig Jahren immer wieder verkündet:
„Laß dich
anschauen“. Ein flüchtiger Augenblick
„eines ja als Gesetz
erfahrenen ANDEREN Lebens“ (Ende des Flanierens): der
epiphane Moment ist
also die Quelle des geoffenbarten Gesetzes, das nach seiner dauerhaften
Überlieferung
im Medium der Schreibens verlangt. In diesen Epiphanien, in diesen
Dreikönigsfesten
- den Erscheinungen des Herrn im Menschen - erlöst das Ich
sich vom
historischen Schuldzusammenhang und prädestiniert sich selbst
zum Erlöser.
Es ist ein offen ausgesprochenes Gesetz, und der es ausspricht ist
Gott, und der
diesen Gott spielt, heißt Peter Handke. In der
„Langsamen Heimkehr“
schreibt Sorger, der Protagonist und Erzähler: „Ich
lerne (ja, ich
kann noch lernen), daß die Geschichte nicht bloß
eine
Aufeinanderfolge von Übeln ist, die einer wie ich nur
ohnmächtig schmähen
kann - sondern auch, seit jeher, eine von jedermann (auch von mir)
fortsetzbare,
friedensstiftende Form. (...) Meine Geschichte (unsere Geschichte, ihr
Leute)
soll hell werden, so wie der Augenblick hell war(...). Ich glaube
diesem
Augenblick: indem ich ihn aufschreibe, soll er mein Gesetz
sein.“ Klaus
Theweleit schreibt: „Der Unterschied zwischen traditionellen
Großartisten
und Popkünstlern ist der, daß die ernsthaften
Artisten eher heimlich
Gott sind oder waren und die Popartisten offen. Da sie es offen sind,
können
sie diese Lieblingstatsache ausstellen. In der Inszenierung wird Gott
eine
Performance; er kann damit wieder verschwinden, abtreten -
während der alte
Artist an Kreuzbauten bastelt.“ Botho Strauß straft
uns und diese
verkommene Gesellschaft mit
„Bocksgesängen“, während Handke
die alte Idee des Künstlers als ‘Sänger des
Volkes’ neu spielt. Überspitzt formuliert: Handkes
Worte wollen die Worte Moses sein,
der geheime Dekalog unserer Zeit, die Fortsetzung der Heiligen Schrift.
Er ist
der Verkünder des Gesetzes, aber - und das ist entscheidend -
es ist ein
Gesetz ohne Botschaft und Ideologie, ein Augenblicks-Gesetz ohne
Geschichte:
offen und durchlässig für die Stimmen der anderen.
„Das einzige,
was mir im Leben wirklich gelungen ist, worauf ich stolz bin, ist, ein
Weltbild
vermieden zu haben.“, sagt Handke selbst. Wortsound statt
Wortsinn. Was
leistet also das Gesetz und der König? Vielleicht dies:
„VOLK: Ich
habe mehr auf den Wind gehört als seine Stimme und das was er
gesagt hat.
IDIOT: Aber ohne seine Stimme und das, was er gesagt hat,
hätte ich nicht
so auf den Wind gehört.“ Die Herausforderung des
Augenblicks?
Vielleicht ist es dies: auf den Wind hören. Was immer auch
jeder da hören
mag. 6. Das Projekt. Um die Wichtigkeit und Bedeutung der
Auseinandersetzung
mit dem Stück von Handke zu unterstreichen, werden wir einen
für
Stadttheaterverhältnisse relativ ungewohnten Weg gehen und die
Probenzeit
auf ein Jahr fast verteilen. In vier Abschnitten werden einzelne
Themenkomplexe
und szenische Fragmente des Stücks spielerisch erkundet und
dargestellt.
Gleichzeitig werden unterschiedliche Raumsituationen vorausgesetzt, die
den
jeweiligen Themen den angemessenen Rahmen abgeben, so daß das
Projekt auch
eine kleine Reise/Wanderung zu Orten des Staatstheaters ist. Begonnen
wird am
27. März mit dem "Abschied des Träumers vom neunten
Land" in
der Cumberlandschen Galerie, diesem geschichtsträchtigsten
Raum unseres Theaters. Der Autor Peter Handke wird sich da
mit seiner Herkunft und seinen
Obsessionen und Träumen darstellen und seinen
Großvater sprechen
lassen, der in der ersten Szene des Stücks dies Traumland zur
Gegenwehr
gegen den drohenden Zerfall, bzw. das drohende Verschwinden auffordert.
Die
Frauen werden zum ersten Mal auftreten, die am Ende des Krieges zwei
vaterlose
Jungen zur Welt bringen werden, die dieser Aufforderung des Ahnherren
mit den
Zurüstungen für die Unsterblichkeit nachkommen
werden. Im Mai dann
bewegen wir uns weiter in das Foyer des Schauspielhaus, diesen kalten
klaren
hellen fensterreichen Raum, der in seiner Schnörkellosigkeit
fast so etwas
wie ein Gegenentwurf zu dem alten Treppenhaus ist. Dies ist der ideale
Ort für
die Raumverdränger und ihr Konzept einer Neuerschaffung der
Welt durch
Entzaubern des Raums, durch Versachlichung, Enthistorisierung des
Raums. Die
sich dagegen aufbauende Figur der Erzählerin hält
dagegen die Erzählung
als schöpferische Verzauberung der Welt hoch und fordert mit
ihrem
Erscheinen zum Wahren der Traditionen auf, zum Aufrechterhalten des
Diskurses
des Ureigenen, der eigenen Geschichte und der Utopien, die sich daran
anknüpfe.
Zwei Aufsätze von Walter Benjamin sind uns hier Folie und
Orientierung für
das Erscheinen des Volks und des Idioten, des Häuptlings und
der Erzählerin:
Zum einen "Erfahrung und Armut", eine illusionslose Bestandsaufnahme
einer die Erfahrungen vernichtenden Zeit und die Formulierung eines
antiresignativen Gegenentwurfs dazu, der bei Benjamin "positives
Barbarentum" heißt. Zum anderen "Der Erzähler", wo
Benjamin an die große Kunst des Erzählens erinnert,
die unsere Kultur
bis weit in das zwanzigste Jahrhundert hinein geprägt hat.) Im
Juni
werden wir beide Teile nocheinmal im Zusammenhang zeigen und zum
Schluß
der Spielzeit Teil drei "Warten auf den König" nennen. Hier,
vor
dem Ballhof sitzen die beiden Mütter Pablos und Felipes und
feiern die neue
Zeit, Volk und Idiot, die ganze Enklave wartet auf die Heimkehr Pablos,
des
neuen Königs. Das wird ein kleines Fest, mit dem das
große Fest,
Staatengründung, Deklaration einer Verfassung und
Krönung des Königs
vorbereitet wird, nicht unbedingt mit Pauken, mit Trompeten, aber
vielleicht und
Bier und Wein. Danach, mit dem Beginn der neuen Spielzeit im September
ziehen
wir in den Ballhof und spielen die Rückkehr des Helden Pablos,
die
Ausrufung des Staates und die Erfindung einer Enklavenhymne. Danach
dann wirds
ums Ganze gehen. „Ich war jedesmal heilfroh, wenn ich wieder
draußen
war! Obwohl es schön sein kann. Schön, wieder
draußen zu sein.
Das Draußen wird dann umso schöner.“
(Peter Handke)
©Michael Börgerding und Hartmut Wickert