Slow Suicide
Fünfter Akt:
In der Rolle des Moses sieht
der sterbende Faust ein paradiesisch gelobtes Land: Räume vielen Millionen.
Nach Menelaos und dem Kaiser betritt Faust als Herrscher der Moderne die Bühne.
Mephisto als Aufseher gemeinsam mit Haltefest/Habebald/Raufebold: Faust bleibt
an das Böse gebunden.
„Offene Gegend“: Schöne:
„Goethes Szene widerruft die alte Legende von Philemon und Baucis; es geht in
dieser Welt nicht zu, wie es doch zugehen sollte.“.
Hütte und Palast als
durchgehendes Modell: Die wenig Bäume,
nicht mein eigen / Verderben mir den Welt-Besitz
„Tiefe Nacht“: Lobgesang
der Schöpfung - Bericht des Augenzeugen der Vernichtung - Lange Pause, Gesang - Mit Jahrhunderten ist es hin - Faust: nur
privater Verdruß - die Polterverse der Totschläger - aus dem Dunst (der
Leichenverbrennung) kommen vier graue Weiber, dringt die Sorge in Fausts Zimmer
„Mitternacht“ (als
Endzeitangabe): Blindheit als Sorg-Losigkeit. Fausts grandioser, unerschütterlicher
Selbstbehauptungswille - Der Erdenkreis
ist mir genug bekannt. / Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt - beruht
auf Täuschung. Allein im Innern leuchtet
helles Licht
„Großer Vorhof des
Palastes“: Schlußmonolog. Ironisch, szenisch gebrochenes Pathos: Ein großer
Demagoge will mit Verheißungen (auf
freien Grund mit freien Volke) zum Frondienst begeistern (Aber auch
gleichzeitig: Selbstbehauptung gegen das Nichts / die utopische Energie des
Faust ?).
Faust stirbt. Hier endet
unser Fast Trip to Slow Suicide. Auf der Bühne kann man ja nicht wirklich
sterben und so geht das Weltspiel vermutlich weiter. Goethe allerdings hat noch
zwei Szenen geschrieben.
„Grablegung“: der Kampf
zwischen höllischen Mächten und himmlischen Herrscharen ist die
Gattungsparodie eines geistlichen Spiels, eine Posse, ein Schwank. Schöne: „
In diesem Satyrspiel entgeht Fausts Seelchen
den Klauen des Bösen, weil ein Gemein Gelüst
den Teufel überkommt: weil er schwul wird beim Anblick der Engel.“ Selbst in
dieser Posse oder gerade hier, zeigt sich Goethes „liebende Wiederbringung des
Bösen“.
„Bergschluchten, Wald,
Fels“: die Apokatastasis panton – die Wiederbringung aller. Eine katholische
Allegorisierung, ein unabhörliches Hinaufschweben und ein letztes Mal die
Rettung des Mannes durch die sich aufopfernde Frau.
Zu dem Auftritt Gretchens
hat Paul Celan in der Todesfuge die Differenz zu Heute notiert: „...dein
goldenes Haar Margarete / dein aschenes Haar Sulamith...“
5. Ein
Projekt. Etwas erzählen heute mit Goethes
Faust II
„Slow down for a fast trip
on a slow ride to suicide. Gone through every fashion look in the video book.
Eaten every fast food a million times. Heard every song. Seen every scene. God
dies and sex is dead. No place to pierce. No body to hide. No drug to take. No
word to read. No poetry to sing. It’s a slow ride to suicide.“ (Marylouise
& Arthur Kroker)
Die Textfassung besteht aus
Goethes Versen und ist eine zugespitzte, pointierte, episodische. Es geht bei Fast
Trip to Slow Suicide nicht um ein
philologisch richtiges oder gar vollständiges Nachbuchstabieren von Goethes Faust.
Der Tragödie zweiter Teil, sondern um eine Erzählung, die wir mit unseren
(Lese-) Erfahrungen verantworten können.
Zwei alte Männer spielen
noch einmal das alte und schneller gewordene Spiel der sich überholenden
Welterfahrung und eines schmerzhaften Weltverlustes, begleitet von einer
projezierten wie real „sorgenden“ Frauenfigur, kommentiert und konterkariert
von einer in ihrer Gegenwärtigkeit präsenten Gruppe junger Menschen.
Vergessen werden muß die
vergangene Schuld. Die Leichen, die Faust im ersten Teil zurückließ -
Gretchens Mutter, ihren Bruder, ihr gemeinsames Kind und seine Liebe im Kerker -
sie tauchen nicht wieder auf. Stunde Null. Der Schlaf des Vergessens produziert
Ungeheuer. Aus der kleinen Welt in die große Welt: die Zahl der Opfer
potenziert sich.
Wir versuchen die Heftigkeit der
Bewegung, mit der diese beiden Männer in ihre virtuellen Welten aufbrechen,
nachzuvollziehen. Lebensdurst und Welthunger, Verlangen nach Schönheit, dem
Besitz, der Macht. Was steht am Ende all des Begehrens, mit der der Mensch die
Welt geformt/umgeformt hat: immerwährender Aufbruch, unmöglicher Stillstand,
unablässiges Stürzen in NEUES.
Beschleunigung der Bewegung, Mobilmachung: die Reisen dieses
Faust, süchtig nach Bewegung, gehen durch Tausende von Jahren, durch ganz
Europa. Eine Fahrt auch durch die Wünsche, Sehnsüchte und Obsessionen unserer
Gegenwart, unseres 20. Jahrhunderts. Ein Treiben in das „Rauschen der Zeit“
und „das Rollen der Begebenheit“. Szenenwechsel, die immer neue Räume öffnen
und schließen. Auch eine Reise durch das Theater, die wir durch die fahrbaren
Podien, die Drehstühle und die Öffnung in den Zuschauerraum gemeinsam mit dem
Publikum machen wollen, und eine Reise durch die Theatergeschichte.
Mephisto ist Fausts Partner,
ein unbegründeter Zwangskumpan, von seiner Transzendenz erlöst, ein
Spielkamerad. Auch der alte Pakt ist vergessen, vergißt sich im Spiel. Einer,
der immer weiter will, weiter spielen will, vielleicht weiter, als Faust es
kann. Zwei alte Männer, zwei traurige Clowns, ein Endspiel. Vielleicht schon
damals.
Helena ist den beiden
beigestellt, aus Gretchens Naturschönem ist das Kunstschöne geworden: eine
(technische) Erfindung und eine real erlebte Projektionsfläche für Faust. Er
produziert, er lehrt ihr die Sprache des Herzens - das Reimen -, er verliert sie
(in einer grotesken Kleinbürgerfamilienszene). Danach ist er frei für größere
Taten. Ein Großkünstler benutzt den Körper der Frau, um durch sie seine
Produktion zu nähren. Sie bleibt ausgeschlossen aus Fausts Welt, das männlich/technische
Zeugungsprinzip braucht keine Frau.
Aber auch die Sorge ist
anwesend, eine Allegorie, die wirkliche Frau, ein Gegenüber. Sie ermöglicht am
Anfang das Vergessen, sie fordert am Ende ihn auf, (nach Heidegger) „des
Grundes gewahr bleiben.“
Der Chor, die Gruppe, die
durch das Stück geistert, begleitet die drei „Helden“, zynisch,
sarkastisch, bewundernd auch. Die Spielimpulse sind gruppenspezifisch. Diese
jungen Leute sind immer da und schauen zu, betrachten, suchen nach Eingreifmöglichkeiten,
machen sich vielleicht mit dem Publikum „gemein“. Chor, Masse, Serie - das
Verschwinden des Einzelnen im Gemeinsamen. Das Glück in der kollektiven Arbeit
im Gegensatz zur Einsamkeit der im Imaginären verzweifelt Suchenden. Das Glück
liegt vielleicht im Materiellen, in der Wirklichkeit, und in der kollektiven
Arbeit - im Gegensatz zur Einsamkeit der im Imaginären verzweifelt Suchenden.
Ein SINN, ein SINN, ein Königreich
für einen SINN. Wir haben alles in die Sinnproduktion gesteckt. Kraftwerk: Wir
fahren, fahren, fahren auf der Autobahn. Wir fahren, fahren, fahren auf der
Autobahn. Jetzt schalten wir das Radio an, aus dem Lautsprecher klingt es dann:
Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn...
1. Kann man Licht hören?
Faust erwacht. 2. Kann man Licht substantiell werden lassen? Faust/Mephisto
schaffen ein Phantasma: Helena. 3 Was kann Licht im Laboratorium? Mephisto
trifft auf die Gegenwart: „Hier wird ein Mensch gemacht.“ Endlich eine
manngemachte Welt.
„Wir müssen von der
Realität ausgehen, nicht vom geistesgeschichtlichen Wissen um Goethes Werk.
Wenn wir sagen, daß wir Faust I und II machen wollen, so heißt das, daß wir
aus einer großen Dichtung die 10 Prozent herausschneiden, die uns
interessieren, die wir verstehen und die wir deshalb verantworten können.
Deshalb nicht vom Stück ausgehen, sondern jeder von sich selbst und seinen
Erfahrungen.“ Klaus Michael Grüber zu
Beginn seiner Faustproben am 5.3.1975
„Slow
media. Image the world, but understand nothing. The real can no longer keep up
to the speed of the image. Today things have speeded up to inertia. Speed
economy, but slow jobs. Speed images, but slow eyes. Speed finance, but slow
morality. Speed sex, but slow desire. Speed globalisation, but slow
communication. Speed talk, but no thought.“